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?"Warum "abumidian


(Das hat natürlich nichts mit Abu-Madian, dem Marokkaner aus dem 14. Jahrhundert zu tun – ein ausführlicher hebräischer Artikel darüber hier)

Das ist ganz einfach so, weil wir unserm Sohn den Namen “Midian” gaben, und beim ersten Telephonanruf, als Ja'ir Dalal uns zur Geburt glückwünschte, nannte er mich “Abumidian”, was Vater von Midian bedeutet (in Arabisch). Das ist kein Zufall. Ja’ir hat seine Rechte: Als er noch nicht so berühmt war, war er die führende Figur im Quartett “Midian”, und ich liebte dieses Quartett und die Musik über alles. Ich fuhr mit den vieren zu vielen Aufführungen, und ich hab Ja’ir und seine Leute unterstützt, als sie das benötigten. Außerdem ist Jair ein Studiumskollege von Michal, der Mutter von Midian.

Warum also nannte Ja’ir sein Quartett “Midian”?

Midian in der Bibel

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Midian ist der Sohn von Abraham und Ktora (Genesis, 25, 2).

Er gründete die Sippe Midian und lebte in der nordwestlichen Ecke der arabischen Halbinsel, dem Land Midian, nach ihm benannt, gegenüber der Sinaihalbinsel. Jitro ist später der Hohepriester von Midian, und wir treffen ihn zum ersten Mal in Exodus, 2. Nicht weniger wichtig ist sein Auftritt in Kapitel 18 im selben Buch.

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Mose verteidigt die Töchter von Jithro,

Giovanni Batista, 1494-1540

Ich will hier einen Text anfügen, der mir sehr am Herzen liegt: Ein Auszug einer Predigt von Matthias Hui.

Der Text ist gekürzt, wer ihn ganz haben will (oder sonst irgendwas sagen will, soll mir bitte schreiben!)

Predigt 6. Dezember 1998, Spiez

2. Mose 2, 15b-22

2. Mose 18, 1-22

Liebe Gemeinde!

Palästinensische Kinder, mit denen ich während vier Jahren in der Westbank lebte und arbeitete, wachsen mit einem schrecklichen Bild von jüdischen Menschen auf. “Juden” werden ihrer Erfahrung nach gewisse erwachsene Männer genannt, unberechenbare Soldaten oder gefährliche Siedler. Es wird ihnen selten erklärt, dass ein Jude nicht immer ein Soldat und nicht genau dasselbe wie ein Israeli ist. Niemand macht diese Kinder mit jüdischen Menschen vertraut, welche keine Waffe tragen. Juden sind für sie die Menschen in den Jeeps, vor denen man große Angst haben muss, Menschen, die einen nicht verstehen, bedrohen oder gar gefangen nehmen. Es müssen Menschen sein, die das Gegenteil dessen sind und wollen, was die eigene Familie verkörpert.

Welche Eindrücke haben wir von jüdischen Menschen, von Israelis? Sind es lebendige Erfahrungen oder auch ganz fixierte Bilder? Ich erlebte in der Westbank die arroganten, schussbereiten Besatzer. Aber als einem, der von außen kam, waren mir Grenzen überwindbar. Ich bin dankbar dafür, dass ich, neben den palästinensischen Leuten in meinem Alltag, ein paar jüdische Israelis als ganze Menschen, als Freunde kennenlernen konnte.

Einer von ihnen ist erst zwei Jahre alt, er heißt Midian. Midian ist ein Junge, der seine Grenzen ständig ausweiten möchte und früher kriechend, heute gehend und springend immer in Bewegung ist. Seine Eltern gaben ihm diesen schönen Namen in Erinnerung an biblische Geschichten. Die Midianiter, von diesem Volk stammt der Name, lebten in der Wüste am Roten Meer, im heutigen Saudiarabien. Verwandte und Bekannte der Eltern von Midian reagierten mit Verwunderung und Erstauen, einige gar mit Verwirrung auf den unüblichen Vornamen. Von den Midianitern ist doch überliefert, wie sie die israelitischen Vorväter und Vormütter immer wieder mit Krieg und Schrecken überzogen. Und ausgerechnet auf diese terroristischen Nachbarn sollte der Bubenname nun verweisen? Auf diese Fremden, die in der allgemeinen Erinnerung an die biblische Welt das Gegenteil dessen verkörpern, was das eigene Volk wollte und will?

[Es ist wahr, die Reaktion auf diesen außergewöhnlichen Namen ist allgemein eher negativ. Dabei sind Anat – ein sehr üblicher Frauenname – eine kanaatische Göttin, Nimrod ein kanaanitischer Held, Dagon –  ein üblicher Familienname, und Familiennamen sind oft gewählt, wie meiner zum Beispiel – ein phönikischer Gott. U.S.]

In der Bibel allerdings ist es Mose, der die erste Begegnung mit den Midianitern macht. Wir haben zwei Texte gehört. Bevor unsere Geschichte einsetzt, lebte Moses  Volk unterdrückt und zu Zwangsarbeit verurteilt in Ägypten. In einem verzweifelten Akt von Widerstand gegen die schreiende Ungerechtigkeit erschlug Mose einen Ägypter, der zuvor einen Hebräer malträtierte. Der Text erzählt dann, wie Mose gewissermaßen als politischer Flüchtling Asyl fand in fremdem Land.

[Einer der Verteidiger im Schauprozess gegen Marwan Barghouthi ist Schamai Leybowitsch, der Enkel von Jeschajahu Leybowitsch, und dieser machte viel Aufregen davon, dass er seinen Mandanten mit Mose verglich und die Staatsanwaltschaft mit den Beamten des Pharao.]

Im Sinnieren über den Midianiter Jethro ist mir bewusst geworden, was meine israelischen Freunde Michal und Uri vielleicht ausdrücken wollten, als sie ihrem Sohn, einem aus dem Volk von Mose, den Namen Midian gaben. Ohne wohl alle Gedanken der Eltern zu kennen, kommt mir “Midian” auf die folgende Weise entgegen: Sein eigener Name wird diesem kleinen, quirligen Jungen später vieles mitteilen. Sein Leben, und natürlich das Leben seines Volkes, liegt nicht einfach in der eigenen Macht und Aggressivität begründet. Die Anderen, die Fremden, welche man vordergründig nur als Feinde, als Terroristen, als zurückgebliebene Beduinen kennt, haben ihren Anteil daran – so wie Mose sein Asyl den Schafzüchtern in ihren Zelten in der Wüste verdankte. Midian erhält in seinem Namen auch eine zur offiziellen Staatspolitik gegenläufige Botschaft: Die Grenzen der Identität seines jüdischen Volkes und seines jüdischen Staates sind nicht so klar, wie sie in nationalistischen Reden und in Kriegen immer wieder künstlich gezogen werden. Der Name Midian heißt, dass man sich auch heute einen Mose mit einer saudischen, oder sagen wir mit einer palästinensischen Frau vorstellen können muss. Und dass es arabische Schwiegerväter gäbe, auf die man zählen könnte, anstatt sie ständig in politischer Propaganda mit den schrecklichen ägyptischen, oder sagen wir faschistischen, Verfolgern gleichzusetzen. Schließlich weist sein Name Midian ein Leben lang darauf hin, dass sich in der Befreiung von falschen Göttern und schlimmen Verhältnissen Verbündete finden lassen. Über Grenzen hinweg gibt es Menschen, welche sich für dieselbe Gerechtigkeit einsetzen.

Das Quartett “Midian” gibt es nicht mehr, heute komponiert, spielt und singt Jair Dalal im Quintett “Alol” (hier eine deutsche Kritik zu Dalals neuster CD), auch in diesem Quintett spielt er ein Stück namens Jethro und auch allein, seine Musik ist wunderschön, aber “Midian” war doch was Besonderes.

Midian im Talmud

Eine Geschichte erzählt, dass Jitro einer der drei Ratgeber des Pharao war, die andern zwei waren Hiob und Bil’am. Als der Säuglingsmord der hebräischen Buben entschlossen wurde, war Jitro dagegen und ging. Hiob – blieb unschlüssig, und er bezahlte dafür mit unglaublichen Leiden (siehe Buch Hiob), und Bil’am der Bösewicht, der dieses “Mittel” auch erfunden hat, wurde im Krieg ermordet. (http://www.netivot-shalom.org.il/parshheb/yitro2.php)

Midian im Koran

Die Muslim nennen Jitro Schu’éb, es ist unbekannt, woher dieser Name kommt. Für die Drusen ist Schu’éb der verborgene Prophet, der den sichtbaren Propheten Moses anleitete, und zwar dies nicht nur in der Wüste nach dem Auszug, sondern eben auch vorher. Er hat Mose all die Tricke beigebracht (die zehn Plagen und die andern Kunststücke). Er kommt in den Suren 7, 11, 20, 22, 28, 29 vor, und er ist vor allem mit der Verbreitung des Monotheïsmus beschäftigt. Für die Drusen ist er sehr wichtig.

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Das von den Drusen verehrte Grab von Jethro

Übrigens: das Wort Midian ist nahe dem Wort Medina, und Medina ist auch wirklich in der Nähe von Midian, ein bisschen südlicher.

Midian – ein zionistischer Versuch

Zu Beginn des zionistischen Abenteuers war es noch nicht klar, wo das jüdische Volk angesiedelt werden sollte. Alle kennen natürlich den argentinischen Vorschlag, Uganda, nachher Birobidschan; wenige wissen, dass es auch einen Versuch der Kolonisation in Midian gab. Der Versuch missglückte, aber er hatte seine gewisse Anziehungskraft eben wegen der Nähe zu Palästina und wegen der familiären und sentimentalen Nähe zu Mose.

Midian in der Bibelforschung

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Heute wird mehr und mehr angenommen, dass Midian, das Volk und das Land, der Ursprung des jüdischen Volkes ist. Einige behaupten, der Berg Sinai befinde sich in Midian (siehe Karte), andere wieder meinen, dass es keinen Auszug aus Ägypten gegeben hat, und außerdem finden sich in Midian mehr und mehr Zeichen der Nähe mit den Hebräern und der hebräischen Sprache.

Ein paar Beispiele:

Die älteste linguistische Schicht der Exodus-Geschichte ist wahrscheinlich das 15. Kapitel des Buches Exodus. Dies ist auch das Kernstück der Geschichte. Hier ein schöner Link zu Miriam!

Es wird angenommen, das Jehowa oder Jahwe  oder etwas Ähnliches ein Berg in Midian ist, der zum Gott wurde, wie viele Berge und Flüsse in der Region. (Knauf)

Ich würde gerne mit Huis Worten enden:

“…Ich freue mich, wenn ich das Leben und die aufkommenden Fragen von Midian an seinem Ort mitten in Israel weiter verfolgen darf. Ich wünsche mir, dass er all den Fallen ausweichen kann, welche Politiker, Terroristen und religiöse Eiferer um ihn herum aufstellen. Ich hoffe, dass er Möglichkeiten sucht und erhält, palästinensischen Kindern anders als Soldat zu begegnen. Ich hoffe, sie werden ihn als Midian kennenlernen, als einer von ihnen, als einer, der sich über Grenzen hinweg auf Neues einlässt.  …”

abumidian@riseup.net

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