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Dienstag, 12 Februar

Ich bin früh aufgestanden, um den Handwerker zu empfangen, der die gänzlich kaputte Toilette reparieren soll; Bilder aus dem zerschossenen Nobelviertel Savion gab es diesmal schon zu den Frühnachrichten. Eine alte Dame wurde interviewt, die fassungslos im demolierten Wohnzimmer ohne Dach steht, sowie ein Villenbesitzer, der zuversichtlich sein kann: seine große Bibliothek ist gerade eben verschont geblieben. Alle waren während des Angriffs in ihren ABC-Bunkern.

 

Aber die Leute in der Stadt machen einen großen Fehler, wenn sie in den Keller gehen wollen. Auch Esthi will nicht mehr in der Wohnung bleiben während der Raketenangriffe. Sie kam früh nach Hause, muß Zwangsferien machen – ihr Boss hat kein Geld mehr. Wie soll er auch, die Kino stehen seit einem Monat leer. Wir gingen also den Keller besichtigen, und mir fiel gleich das Herz in die Hosen. Mit Bitterkeit dachte ich an das viele Geld, das der Schweizer Staat jedem Einfamilienhausbesitzer zuschießt für den Bau eines Luftschutzkellers nach Vorschrift mit gummiverdichteten Bunkertüren und –fenstern und Lüftungspumpe; keine Wohnung in der Schweiz ist ohne ABC-Schutz. Aber die Keller hier sind so, wie man sie vor hundert Jahren baute: die Mauern um ein Weniges dicker als im oberen Teil des Hauses, um Wein und Obst kühl zu halten im Sommer […]

 

Esthi ist nicht meine einzige Sorge. Gleich heute Morgen hatte ich ein Telefongespräch mit Edith, das mich total aus den Angeln hob. Auf meine Warnung, die Stadt auf jeden Fall vor einem Land-Angriff der Amerikaner zu verlassen, sagte sie, sie habe moralische Bedenken, so etwas zu tun: schließlich gebe es alte Leute im Haus, die nicht fortgehen wollten, und wie könne sie es dann verantworten wegzufahren und die Alten allein zu lassen.

 

Also wegen ein paar starrköpfigen Senilen soll gerade die Generation, die das zukünftige Leben in sich trägt, sterben gehen.

[…]

Esthi ruft mehrmals täglich Doron in seinem Militär-Camp an. "Was willst du – wir sitzen an der Front, und er ruht sich aus. Mindestens soll er mit mir sprechen." – Ich besorge das Abendessen und mache nachher selbst eine Reihe von Telefongesprächen. Einat, Ednas Tochter, die gleich nebenan in dieser Straße wohnt, kommt mich morgen besuchen. […]

David meint, es werde erst zwei bis drei Wochen nach dem Landangriff gefährlich. Zwei bis drei Wochen Aufschub – was soll's.

 

[Dieses Gefühl immer im Krieg hier in Israel: Was dir bleibt, ist spekulieren… in den Keller oder im Treppenhaus? in den Süden oder in den Norden? dableiben oder weggehen? einkaufen oder verkaufen? Sonst kannst du gar nichts anfangen. So war es damals, so war es im Sommer 2006, als ich schon wieder "an der Front" lebte, und so ist es eigentlich immer hier: Die israelische Politik ist darauf ausgerichtet, dass sich die Bürger nach demokratischer Meinungsfreiheit soviel Meinungen machen können, wie sie wollen. Spekulieren, abwägen, einschätzen, beurteilen, aber tun – nein, tun können wir gar nichts! Das ist es genau, was die Ägypter jetzt auf den Kopf gestellt haben. Sie dürfen nicht, und sie machen es trotzdem! Sie nehmen ihr Los in die Hand!

Und dazu, und zu all dem hier überhaupt, wieder Brechts Courage:

„Was eine Aufführung von ‚Mutter Courage und ihre Kinder' hauptsächlich zeigen soll:

Daß die großen Geschäfte, aus denen der Krieg besteht, nicht von den kleinen Leuten gemacht werden. Daß der Krieg, der eine Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln ist, die menschlichen Tugenden tödlich macht, auch für ihre Besitzer. Daß für die Bekämpfung des Krieges kein Opfer zu groß ist.“ ]

 

 

MUTTER ZWISCHEN DEN FRONTEN

 

Ja, also wie ich schon dreißigmal hier schrieb: Ich konnte nicht anders und habe Wolf Biermann auf seinen Artikel in der Zeit geantwortet:

https://abumidian.wordpress.com/deutsch/biermann

 

Ach ja, übrigens, vergesst nicht,  an die Urne zu gehen, die Schweizer unter Euch! (2011, nicht 1991)

 

 

 

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