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Adam Werte – Held und Opfer wider Willen

Ich möchte etwas auf Deutsch erzählen, aus dem einfachen Grund:

Es gibt im Internet nur einen einen einzigen Artikel vom 23. Januar auf Deutsch (danke Oded!!), und auf Englisch auch Weniges (siehe unten). Und dabei ist es etwas, das nun schon seit drei Wochen das ganze Land beschäftigt. In meinem kleinen, eher verschlafenen Städtchen, Kiryat Tiv'on, gibt es eine Mittelschule für alle Jugendlichen, d.h. seit diesem Schuljahr gibt es jetzt auch noch eine zweite, ganz neu, und zwar eine anthroposophische, aber die meisten SchülerInnen gehen in die andere, und die wird, wie etwa zehn Prozent der Mittelschulen in Israel, von einer "Schulkette" betrieben, die "ORT" heißt. (Eigentlich ist ORT schon mehr als 200 Jahre alt, aber heute, in Israel, ist es vor allem eine Schulkette.) Die israelischen Mittelschulen sind nämlich privatisiert, die Lehrer erhalten ihr Gehalt von einem Subunternehmer, zum großen Teil ist es die Gemeinde, aber eben nicht immer. Adam Werte ist Lehrer für Geschichte und Staatskunde, er unterrichtet in der anthroposophischen Schule auch meinen Sohn, und dann eben auch in der großen ORT-Schule. Dort litt er schon seit einer Weile unter einer faschistischen Schülerin, die ihn jetzt, vor drei Wochen, bezichtigte, er hätte gesagt, das israelische Militär sei nicht das moralischste Militär auf der Welt. Das hat er auch tatsächlich gesagt, nur muss man verstehen, dass dies in Israel ein schlimmes Vergehen ist. Wir sind ja die einzige Demokratie im Nahen Osten und haben natürlich das moralischste Militär auf der ganzen Welt. Außerdem ist die ganze Welt gegen uns, die Araber wollen uns ins Meer schmeißen, man darf nichts mit der Schoah vergleichen usw. Sehr viele heilige Kühe spazieren hier im Heiligen Land herum, man muss echt aufpassen, mit keiner zusammenzustoßen. Diese Schülerin erreichte mit ihrer Klage nicht nur die Schulleitung, sondern auch die Gesamt-Ort-Leitung und das Erziehungsministerium. Rückendeckung erhielt sie von Meir Kahanas Fahnenträger in der Knesset, Michael Ben-Ari, und seinen SA-ähnlichen Schlägertypen. So etwas darf ich nach israelischem Gesetz heute übrigens nicht mehr schreiben. Aber Ben-Ari darf in der Knesset sitzen, obschon Kahana dort in den achtziger Jahren wegen Rassismus rausflog. Nun, wenigstens sitzt er dort nicht mehr seit einem Jahr nicht mehr.

Die Forderung der Schülerin: Adam Werte muss gefeuert werden. Aber das Problem ist ja nicht diese Schülerin. Das Problem ist, dass die Schulleitung ihren Lehrer nicht unterstützte, dass der CEO von ORT-Israel sich ausdrücklich gegen ihn stellte, dass der Erziehungsminister nichts sagte, und dass der Gewerkschaftsführer sich sehr zweideutig äußerte. Schauen wir uns mal in diesem Drama diese drei Männer an: Alle drei, der CEO, der Erziehungsminister und der Gewerkschaftsführer sind zufällig weiße, jüdische und religiöse Männer. Der erste war einer der Mitgründer der Partei von Naftali Bennett, "das jüdische Haus", ganz rechts außen. Zwi Peleg, so heißt er, sagte, es sei ihm völlig unverständlich, wie ein Lehrer in einer seiner Schulen behaupten könne, das israelische Militär sei nicht das moralischste Militär auf der Welt. Der Erziehungsminister Shay Piron zeichnete sich in seinem ersten Jahr im Amt dadurch aus, dass er verschiedene fragwürdige Reformen aus dem Ärmel schüttelt, so z.B. den Unterricht der Schoah schon im Kindergarten, aber zu diesem Thema hatte er nichts zu sagen, obschon dann auch die Erziehungskommission der Knesset sich damit beschäftigte. Und Ran Erez, der Gewerkschaftsführer, ist die israelisch-religiöse Version von Genosse Stalin, letzte Woche zum sechsten Mal als Vorsteher der undemokratischsten Gewerkschaft im Land "wiedergewählt". Auch Ran Erez meinte, eine Kritik an der Heiligen Kuh ZAHAL gehe zu weit. (Außerdem ist auch Adam ein weißer, aschkenasischer Mann, und die Schülerin ist eine junge Frau aus einer Familie aus einem arabischen Land, was die ganze Sache wieder um einen Dreh komplizierter macht.)

Aber es gibt in Israel immer noch eine Zivilgesellschaft. Tiv'on ist zwar nicht besonders links, aber durchaus nicht faschistisch. Es gibt verschiedene Gerüchte, so zum Beispiel: Ein Lehrer darf gemäß Dekret des Erziehungsministeriums nicht über Politik sprechen, oder: Ein Lehrer darf gemäß Dekret des Erziehungsministeriums nicht seine Meinung sagen. Nun, es ist sehr gut möglich, dass Adam sich ungeschickt verhalten hat, gegenüber der Provokationen dieser jungen Faschistin. In Deutschland würde man sie 'ne Nazigöre nennen. Es gibt bequemere Situationen, und es ist zweifellos eine besondere Herausforderung, in so einer Schulklasse Zivilrechte, Menschenrechte und humanistische Werte zu unterrichten, und vielleicht war er der Situation tatsächlich nicht hundertprozentig gewachsen. Aber ihn deshalb rauswerfen? Und so demonstrierten wir heftig, und die Stimmung in der Stadt ist eindeutig auf Seite von Adam Werte. Wenn das nicht wirklich sein Name wäre, fändet Ihr das bestimmt ein bisschen dick aufgetragen, diesem Lehrer so einen Namen zu erfinden. Aber Adam will kein Symbol sein, er will unterrichten. Er kam auch nicht an die Demo, entschuldigte sich schüchtern, aber bedankte sich auch von Herzen. Allerdings schafften es die Faschisten, am Sonntag, vor einer Woche, eine Versammlung hier in der Stadt abzuhalten und die Schülerin "für ihren Mut zu beglückwünschen". Heute Sonntag (16.2.14) bestreikten die Lehrer von ORT-Tiv'on die erste Schulstunde aus Solidarität mit ihrem bedrängten Kollegen, nachdem sie zu lange geschwiegen hatten, und versammelten sich im Lehrerzimmer. Die Schülerin stürmte ins Lehrerzimmer, bewaffnet mit einer Videokamera, wurde aber vom Rektor nach Hause geschickt, worauf sie jetzt bei der Polizei eine Klage gegen den Rektor eingereicht habe, er sei tätlich geworden.

Das Drama ist längst noch nicht zu Ende!

adamwerte

* Auf englisch wird sein Nachname anders geschrieben

Drei Artikel auf englisch zu Adam: http://972mag.com/tag/adam-verete

Fotos von Yair Gil von der Demo am 25.1.2014

Fotos von Yair Gil vom letzten Sonntag, als die Faschisten nach Tiv'on kamen

Andere Artikel von mir, die mit dem Thema zu tun haben:

Dieser Kampf darf nicht scheitern

Erinnere Dich, oh Lehrer!

Ge­sich­ter von Re­li­gion und Macht – In­sze­nie­run­gen in Is­rael

Kultur und Opposition

Knessetwahlen 2013

Der Sohn von Sharon predigt Rassismus und nennt die Araber "Raubtiere"

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