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Freitag, 22. Februar

[Jetzt kommt – wie könnt's anders sein – wieder mal ein Streit, diesmal mit mir, deshalb schreib ich ihn ab…]

 

Als ich morgens auf dem Balkon den Laden aufschob, ist es mir passiert, einen Haken einzuklemmen und zu verbiegen – o Schreck! Uri hörte nicht auf mich anzuschimpfen und wieder und wieder zu sagen: "Konntest du nicht aufpassen… Wußtest du nicht daß…" undsoweiter, obschon er selbst eben aus Versehen eine Pita im Ofen verbrannt hatte. Aber ich bin ja die Mutter, muß unfehlbar sein. Es ging so weit, daß er grußlos aus dem Haus rannte, und ich kam um mein Frühstück. Zum Teufel! Ich habe genug Scherereien mit dem älteren Sohnespaar, und jetzt das. Am besten, ich ziehe für die letzten zweieinhalb Wochen zu Miki.

[Schrieb sie nicht vor drei Wochen, am 31. Januar, man hätte ihr gesagt, sie könne das Ticket auch vorverschieben?]

 

Ich kam zu Esthi um elf – nach einem Anschnauzer vom Autobusfahrer, das hat mir gerade noch gefehlt – und fand die Tür verschlossen, musste die Tasche mit allen Büchern zum Super schleppen, Einkäufe zu machen. Um zwölf war immer noch niemand telefonisch erreichbar. Ich rief bei Uri an, um zu fragen, ob Esthi sich dort gemeldet habe; er war sehr lieb und lud mich ein, nach Hause zu kommen. Alles verziehen und vergessen? Ich fragte ihn, was vorhin mit ihm los gewesen sei. "Ich bin auch ein Mensch", sagte ich, "nicht nur du." – "Bist du fertig?" war die spitze Antwort. "Ganz", konterte ich und knallte den Hörer auf die Gabel. Nachher musste ich, weil die Schlange vor der Kabine zu lang war, einen neuen Apparat an einem Falafelstand suchen, um Uri noch einmal zu sprechen. Endlich hatte er ein Einsehen und gab zu: "Ich bin in einer Lebenskrise, Ima, und du bist nicht die einzige, die von mir angeschrien wird." – "Das hättest du mir gleich sagen sollen!" Nun ist alles wieder gut.

[Wie lieb von mir! Ich weiß von keiner Lebenskrise, in der ich damals steckte, aber sie hat's mir abgekauft. Andererseits gibt's eine Menge Dinge, an die ich mich nicht erinnern kann, und wenn ich es tatsächlich so gemeint hatte – ich armes Schwein! Wie gut, wusste ich damals nicht, was alles noch kommt…]

[…]

Ich pütscherte ziemlich an den Vorbereitungen herum, wie üblich. Bis wir gegessen hatten und abwuschen, war es fast fünf. [Gemeint ist das traditionelle Freitagmahl in der Aharonowitsch] David A. half mir dabei. "Was machst du so den ganzen Tag?", fragte er. [Liest du eigentlich mit, David?]

"Ich lerne hebräisch Zeitung lesen." Haha! Heute hab ich kein Wort arbeiten können. Der Psychoterror ist ganz schön anstrengend. Ich würde Stichworte zu einem Tagebuch ins Tonband diktieren, sagte ich, und später in der Schweiz alles aufschreiben. Dort würde ich mich sowieso erst ausschlafen müssen. "Ja hast du denn ein Schlafmanko?" fragte er. Was soll ich da antworten. Wie soll ich meine Lage erklären. Dieses Gespräch und diese Überlegungen muß ich unbedingt aufschreiben, dachte ich. [Und ich schreibe es ab und lade es aufs internet.. Hättste nicht gedacht, damals, hä? Denn es gabs ja auch gar nicht, das Internet…]

[…]

Dann ging ich endlich, und zwar zu Fuß. Es fahren keine Busse mehr, Erew Schabat hat schon angefangen, und für ein Taxi habe ich kein Geld mehr. Aber es tut gut zu laufen, und ich schaffe es in knapp dreiviertel Stunden quer durch die Stadt. Dabei kann ich wunderbar ins umgehängte Tonband diktieren und muß nicht flüstern wie so oft, wenn ich bei jemandem bin.

 

Zu Hause erwartet mich eine Überraschung. Alles ist für Erew Schabat gerichtet, und Edith hat eine besonders schmackhafte Mahlzeit gekocht. Das ganze Zeremoniell darf durchgeführt werden, Kerzenzünden, Priestersegen, Kidusch, Segen über den Wein, Segen über die Chala  – ach wenn nur ich alles sprechen soll, aber etwas anderes wäre für meine atheistischen Kinder wohl nicht konsequent gewesen.

 

Wieder soll ich an diesem Abend vieles über mein Leben erzählen, von dem ich glaubte, es sei nicht besonders wichtig und in der Familie allgemein bekannt. Diesmal geht es um meine Fehlgeburten. Eine war ja sehr dramatisch, ich wäre fast verblutet, und es war eigentlich eine richtige Geburt, das kleine Mädchen hat fünf Stunden gelebt. [1958, in Afula begraben] Und bei dieser Gelegenheit erfahre ich Ediths Geschichte: sie war mit siebzehn Jahren schwanger, hat abgetrieben. [Nun folgt ein ziemlich großes Stück, das Hilde selbst gestrichen hat, dann schreib ichs sowieso nicht ab…]

Immerhin entfährt mir ein Entsetzensschrei. Aber die beiden nehmen es mir nicht übel. 

[.. und wieder etwas gestrichen… ]

Spät in der Nacht ruft David an. Jetzt ruft er jeden Tag an. Er hat Heimweh nach mir, das tut ihm gut.

 

Ein Stück Hintergrund zum 22. Februar und zum Krieg überhaupt

 

MUTTER ZWISCHEN DEN FRONTEN

 

Und wie ich schon bald vierzigmal hier schrieb: Ich konnte nicht anders und habe Wolf Bier­mann auf sei­nen Artikel in der Zeit ge­ant­wortet:

https://abumidian.wordpress.com/deutsch/biermann

 

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