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Samstag, 19. Januar

Ich blieb wach bis vier, starrsinnig mit meinen hebräischen Wörtern beschäftigt, aber es hat sich nicht gelohnt. Der östliche Besuch der Geisterstunde blieb aus. Einfältig zu glauben, der Diktator halte sich an einen Stundenplan. Er spielt uns einen Morgenstreich, kurz nach sieben, und wenn ich gewollt hätte, wäre ich jetzt ausgeschlafen gewesen.

[…]

Einmal sind wir davongekommen… mit jedem nächsten Mal wird unsere Chance kleiner.

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Beim zweiten Mal Routine: Telefonschnur – Radio – Masken auf – Tür verkleben – nasses Tuch drunter.

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Die Telefonverbindung funktioniert heute, und ich habe im Nu meine Familie auditiv beieinander. Esthi ist sehr verstört und will zu ihrer Tante nach Galiläa fliehen. "Wir hauen ab" sagt Doron, und meine erste Reaktion ist, dass ich ihm das wörtlich abnehme: Fahnenflucht. Es braucht keinen primitiven Menschen für primitive Reaktionen. Meine erste Reaktion ist – Neid.

Wir werden bald wieder freigelassen. Offenbar hat man ein System gefunden, das Nichtvorhandensein von Gas bei den Bombensplittern schnell festzustellen. Edith bleibt lange auf dem Zimmerboden sitzen, Uri flüsternd über sie gebeugt. Auch meine zweite Schwiegertochter weint.

Drei Einschläge hat es gegeben, wieder nur Sachschaden. Die israelische Regierung spielt weiter Halt-mich-fest-daß-ich-ihm-nicht-den-Hals-umdrehe, und ich finde das auch gut so.

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Schabbat Abend, 19. Januar

Ich war ein bisschen erschrocken, als Uri mir heut Morgen sagte, wir drei würden morgen wieder in seine Wohnung ziehen. Wir würden uns ein eigenes verstopftes Zimmer kleben. Kommt dies meinen bösen Gedanken nicht allzu gut entgegen? – "Ist es meinetwegen?" – Nein, sagte Uri, er selbst komme sich hier als fünftes Rad vor. Ja, es muss gräßlich sein für die Gottliebs. Noch nach Monaten werde ich glauben, wir hätten mindestens eine Woche aufeinandergehockt, nicht nur drei Tage. Auch wenn eine Milliarde Menschen ihr Leben so verbringen: Ich bin für Gottliebs und mich erleichtert. Endlich heraus hier.

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Schabbatausgang, 19. Januar

Darüber kursiert einer der mannigfachen Witze, die aus dem Boden sprießen wie Pilze nach dem Regen – nämlich darüber, daß außerhalb der beiden großen Städte Haifa und Tel Aviv die Menschen in relativer Sicherheit leben: Wie nennt man Jerusalem neuerdings? fragt der Scherz. (Tel Aviv rühmt sich, die "Stadt ohne Pause" zu sein, "Ir lelo hafsaka".) – Antwort: "Ir lelo hafzaza" – Stadt ohne Bombardierung.

[handschriftlich hinzugefügt:] (Jerusalem bildet einen Keil ins Westjordanland hinein: Sadam Chussein würde seine eigenen Leute zerbomben.)

[…]

JETZT – JETZT – sprich dein Gebet, Desdemona, jetzt kommt der Tod. Und aus ists mit all deinen Büchern. Und wehe dir wenn du am Leben bleibst und einer der Brüder ist… oder auch Witwer… Schluck runter und laß dir ja nichts anmerken. Nur ganz ruhig und gelassen in das verstopfte Zimmer schlendern und das Ding auf die Nase. Anita steht die Maske am besten.

[…]

MUTTER ZWISCHEN DEN FRONTEN

Ich habe übrigens während dieses Krieges an Wolf Biermann einen Brief geschrieben:

https://abumidian.wordpress.com/deutsch/biermann

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