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Freitag, 18. Januar

01.30 Uhr

"Hilde – Hilde: Wach auf ! Alarm!"

An der linken Schulter geschüttelt. Anita schüttelt. Was soll da? Was heißt Alarm? Wo bin ich?

[kleine Erinnerungsstütze: wir befinden uns in der Wohnung der Familie Gottlieb, Entfernung 300 Meter von Uris und Ediths Wohnung. Außer uns dreien sind da: Joram Gottlieb, Ediths Vater, Anita Gottlieb, Ediths Mutter, Ruth Gottlieb, Ediths Schwester, ein Hund Gottlieb und zwei Katzen Gottlieb ….]

Ach so?! – Das ist es jetzt. WIR HABEN KRIEG. Jetzt fängst es an.

Im Halbschlaf greife ich zum Hosenpaket: Unterhosen / warme Strumpfhosen / Manchesterhosen, die ich noch ineinandergesteckt anziehen will, um Zeit zu sparen, schlüpfe mit dem rechten Fuß ins Dreihosenbein.

Bumm!

Mondkalb! Willst du im Klappstuhl auf einer Veranda mit einem Fuß im Hosenbein verrecken?

Erschrocken packe ich einen Armvoll Kleider und schieße ins verstopfte Zimmer. Meine Gasmaske steht stramm in Ruths Bücherschrank am genau bestimmten Platz – […viel Hysterie…] Joram zerrt und nestelt an der überdimensionerten Seifendose, die ich in meinem Schweizer Militärtäschchen habe. Schließlich zetert er eine Schere herbei, mit der er wild auf die zugeschweißte dickwandige Plastikdose einsticht, und das unschön zerrupfte Ding gebiert einen Filter, der auf die Maske geschraubt werden will. – Mein Gott! Ich hätte nie gewagt, Schweizer \Militärzeug zu beschädigen, wäre ich allein gewesen, hätte ich die Maske ohne Filter getragen und es nicht einmal gemerkt..

[…]

Bumm!

Die hinterm Rücken wackelt und schaukelt. Nur etwas näher, und ich wäre als erste hinuntergepurzelt. Kein angenehmer Gedanke. Ich rutsche gegen Zimmermitte, unmerklich, um niemanden zu erschrecken, aber ich frage doch ganz offen, ob es wohl noch lange dauern werde, bis man die Tür aufreißen und das Örtchen benützen dürfe. "Wir haben im Schrank einen Kübel dafür", sagt Uri, "du kannst dich hinter der Schranktür verstecken", aber das will mir in Gegenwart der Gottliebs doch gar nicht gefallen. Stur halt ich durch (wenn man sich nicht bewegt, geht es).

[…]

Nach langer Zeit erlaubt das Radio, die Masken auszuziehen. Aber das verstopfte Zimmer sollen wir nicht verlassen.

[…]

Uri muß seiner Mama behilflich sein. Nicht zum letzten Mal in diesen Wochen komme ich mir sehr alt vor.

Und dann endlich das Signal zur Freiheit….

Es ist Freitag früh um sechs. Über vier Stunden haben wir gesessen.

[… nach der Toilette: viele Telephone…]

und schrecke endlich auch meinen Mann in der Schweiz aus dem Bett, obschon es dort erst fünf Uhr früh ist: Melde gehorsamst, wir sind alle noch am Leben. Heute ist unser sechsunddreißigster Hochzeitstag, aber das habe ich vergessen.

Freitag, 18. Januar, tagsüber

[…]

Der Nachmittag zieht sich hin und wird immer unangenehmer; die Geschehnisse der Nacht kommen wie ein großes Wunder vor: […]sechzig oder siebzig Verletzte gab es wohl, die meisten aber nur "leicht" […] drei Menschen starben an Herzinfarkten, drei Erwachsene und ein Kind – kaum zu glauben – erstickten in ihren Masken wie in einem Plastiksack, weil sie vergessen hatten, den Schutzdeckel vom Filter zu reißen, und außerdem wurden Dutzende ins Krankenhaus eingewiesen, die sich in Panik Atropin gespritzt hatten…

[…]

Was sich im Einzelnen wie und wann abspielte, ist in meiner Erinnerung komplett verknäuelt. Wann habe ich den Whisky von Uri geholt? Wann hat Uri mit Scha'ul telefoniert? Wann hat es um Himmels Willen zu regnen begonnen? – Donnerstag, e muss Donnerstag gewesen sein, am Nachmittag, als Uri und Edith einkaufen gingen, weil sie für Dorons Party zu kochen hatten – damals (vor vierundzwanzig Stunden) hatte der Krieg begonnen, doch die Hoffnung auf ungestörten Alltag nicht aufgehört… Doron pflegt seit zwei Jahren jeden Freitag Mittag seine Freunde zu bekochen, mit viel Liebe und Feinschmeckerei

[…]

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MUTTER ZWISCHEN DEN FRONTEN

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Ich habe übrigens während dieses Krieges an Wolf Biermann einen Brief geschrieben:

https://abumidian.wordpress.com/deutsch/biermann

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