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Sonntag, 24 Februar

Müde aufgewacht, wie immer, aber auch Edith ist müde: sie habe die ganze Nacht geträumt, es sei Alarm, und sie müsse in den Keller rennen, und von dem vielen Rennen im Traum sei sie todmüde. Vor ein paar Tagen habe sie geträumt, sie sei an der Uni, und die Sirenen heulten. Da lief sie nicht in den Keller, sondern vors Gebäude, um der Rakete zuzuschauen. Die Rakete schlenkerte ganz langsam in einer Schlangenlinie am Himmel hin und her, und am Radio hieß es, sie könne nicht landen, weil der Gegenwind sie zurückhalte. Die Rakete flatterte im Wind auf und ab, und plötzlich erhoben sich die großen, hohen Hotels am Tel Aviver Strand und flatterten auf wie ein Schwarm Vögel. Fenster sprangen auf, und Leute purzelten heraus, und Edith schaute im Traum gleichmütig zu.

Später erzählte sie uns beim Frühstück über Tel-Aviverinnen, die ihre "Kriegs"-Erlebnisse in die Zeitung bringen, auch wenn es belangloses Zeug ist. Zum Beispiel eine, die ins Ausland geflohen ist, nach München; und aus München wieder weg wollte, als ihr bewußt wurde, daß dort chemische Fabriken stehen, die Chemikalien für Giftgase in den Irak exportierten. – Solcher Quatsch wird fröhlich geschrieben und verkauft. Und meine Notizen? Wem will ich sie verkaufen? – Ich bin eine alte vertrocknete Pflaume.

Ich fürchte mich sogar davor, nach Zürich zu kommen. Dann werde ich ausschlafen wollen, abnehmen wollen, und mich noch unnützer fühlen, besonders wenn ich wochenlang an diesem Tagebuch schreibe, und es wird doch nichts daraus.

Wir verabschiedeten uns, als wäre es ein Abschied fürs Leben. Mir ist kalt. Ich kann das Bild nicht mehr sehen, das Uri von mir stehen hat. Die Foto ist keine paar Jahre alt, und ich sehe so viel jünger aus; jetzt bin ich ein altes Schwein. Ich trug die Haare noch sehr lang und hatte nicht dauernd Augentaschen und keine Gewichtsprobleme. Ein verheerendes Zeichen, wenn man ein früheres Bild von sich sieht und denkt: "damals war ich noch…"

Damals glaubte ich noch an einen baldigen Erfolg, und jetzt sitze ich fest, eingeklemmt, mit diesem Tagebuch, und komme nicht frei. […und wieder was Gestrichenes…]

[Ima! Ich sag Dir eins: Es kitzelt mich, weiterzublättern, und ich machs nicht. Ich halt mich an die Regel: Jeden Tag lade ich das jeweilige Datum aufs Netz. Ich wollte so gerne wissen, wies weitergeht!!]

24. Februar, abends

Ich verbrachte den Tag am Strand, mit Rucksack und Taschen, konnte es nicht lassen. […] "Machst du eine Wanderung durchs Land", fragte mich einer, der meinen großen Rucksack sah, und ich hätte am liebsten geantwortet: Ja, ich bin Mutter Courage und ziehe den schweren Karren. [Ich schwörs! Ich lese diesen Satz zum ersten Mal!! Aber wenn schon, dann will ich hier ein bisschen meinen Vergleich weiterführen. Zum Beispiel ist ja erstaunlich, wie es Brecht schafft, schlüssig darzustellen, wie Mutter Courage zu Ende der 6. Szene 'Der Krieg soll verflucht sein' sagt, und ein paar Zeilen weiter, in der 7.Szene: 'Ich laß mir den Krieg von euch nicht madig machen.' Und das, anders zwar, aber doch ähnlich, hab ich bei Hilde auch gelesen, gehört und erlebt. Nicht nur in diesem Krieg, das war ja schon 1982 so.

Oder wenn Mutter Courage in der äußersten Erschöpfung 'des umherziehens müd' ist und sagt 'Auf der Straße ist kein Leben auf die Dauer'.

Und in einem völlig andern Zusammenhang passt der Vergleich ebenfalls:

Mutter Courage verhandelt zu lange und verliert deswegen ihren Sohn. Hilde hat mindestens einmal (wahrscheinlich mehr) "zu lange verhandelt" und deswegen ihre Romane nicht publiziert. Sie hat zwar nicht um Geld gefeilscht, sondern um Inhalte, aber das Ergebnis ist – bisher – ein Verlust. In diesem Büchermarkt-Krieg hat sie – bisher – verloren, und nicht weil sie nicht gut genug ist.

Und doch ist sie natürlich ganz anders als die Courage. Sie sagt nicht: 'Alle Tugenden sind nämlich gefährlich auf dieser Welt, wie das schöne Lied beweist, man hat sie besser nicht und hat ein angenehmes Leben und Frühstück, sagen wir, eine warme Supp.' Sie war und blieb bis zuletzt eine Idealistin. Und wenn ich übrigens diese Kommentare schreibe, zerstöre ich vielleicht auch ein bisschen den ganz Brecht-eigenen Effekt:

„Die Courage […] glaubt an den Krieg bis zuletzt. Es geht ihr nicht einmal auf, dass man eine große Schere haben muß, um am Krieg seinen Schnitt zu machen. […]; sie lernt so wenig aus der Katastrophe wie das Versuchskarnickel über Biologie lernt. Dem Stückschreiber obliegt es nicht, die Courage am Ende sehend zu machen – sie sieht einiges, gegen die Mitte des Stückes zu, am Ende der 6. Szene, und verliert dann die Sicht wieder –, ihm kommt es darauf an, dass der Zuschauer sieht. Deshalb nehme ich mich manchmal zusammen, auch wenn ich noch so viel zu sagen hätte, aber manchmal schlüpft es halt heraus. Tut mir leid… ] Am Ende schleppte ich mein Schneckenhaus zum Fünfundfünfziger, um mein Zigeunerzelt in Savion aufzustellen.

[…] Erst jetzt, in den Bus-Nachrichten erfahre ich, daß die Amerikaner heute in den frühen Morgenstunden in den Irak einmarschiert sind. Sie sind erstaunt, wie schnell sie vorwärtskommen. [Aber niemand ist erstaunt darüber, wie frech sie sich über das Abkommen hinwegsetzen, das in Moskau erreicht wurde.] […]

Endlich wieder Nachrichten am Fernsehen. Ich habe die Glotze schon vermisst. David telefoniert, und ich frage nach Briefen, die für mich angekommen sein könnten. Ja – Edi K. hat geschrieben und mir Druckfahnen von meinen Gedichten im Schriftstellerärzte-Almanach geschickt. David will sie mir morgen faxen.

[Hier, bei dieser Gelegenheit, zwei Gedichte von Hilde: auf du und du – 321992 ]

[…]

Halb sechs: Gerade wollte man ein bisschen schlafen, da heult es zum zweiten Mal. Wieder ein Einschlag im Negew, vielleicht wollen sie den israelischen Atomreaktor treffen. Miki lacht einmal hell auf, weil die Radiostimme meldet, Leute, die nicht hebräisch verstünden, möchten doch bitte auf Welle sowieso hören – doch diese Durchsage ist hebräisch. Schai flucht leise vor sich hin und murmelt etwas über Catchup-Gas. Wieso? – Nun ja, wenn es Senfgas gebe, dann wohl auch Catchup-Gas, sagt er.

Wir sind bald wieder frei; es ist noch dunkel, aber die Vögel zwitschern schon für den neuen Tag. Die Vögel – sie brauchen dieses ganze Theater nicht. Sie haben gut geschlafen diese Nacht.

MUTTER ZWISCHEN DEN FRONTEN

Und wie ich schon bald vierzigmal hier schrieb: Ich konnte nicht anders und habe Wolf Bier­mann auf sei­nen Artikel in der Zeit ge­ant­wortet:

https://abumidian.wordpress.com/deutsch/biermann

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