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Dienstag, 22. Januar

Auch hier saßen wir gestern bis nach Mitternacht im Halbrund im den schnarrenden Kasten; noch immer saugt jedermann fasziniert jede einzelne Angabe über den Krieg in sich auf. Allerdings […] – Wie kommt es denn, nach den großartigen  Bombardierungen der ersten Nacht, dass so viele mobile Abschußrampen übersehen wurden? […] – Es ist KRIEG, KRIEG ist: erinnere dich, Hilde, du warst ein Kind: im KRIEG lügen alle, alle lügen… Aber vielleicht lügt er gar nicht, der American Good Boy. Ist er – naiv?

In den Abendnachrichten gaben verzweifelte israelische Behörden bekannt, dass ab morgen im ganzen Land normal gearbeitet werde, mit oder ohne Raketenbeschuß. Die wirtschaftlichen Verluste nach einer guten halben Woche Arbeitsstillstand gehen in Milliardenhöhe. Also geht's morgen wieder in die Aharonowitz, sagen Esthi und Doron. Uri und Edith kommen auch nach Tel Aviv zurück. [Wir waren offenbar in Schomria…] Meine "Flucht" vor der Todesfalle also schon vorbei, Sorge um die Jungen wie gehabt, vor dem Magen steht mir eine Wand, und dort wo das Herz sein soll, fühle ich einen Stein.

Die ausgehende Nacht sieht uns in den kalten weißen Kleinwagen klettern. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, was in Israel bedeutet, daß es stockfinster ist wie um vier oder drei. […] Selbst gähnend und frierend rollt Willie – so heißt das Auto – dem schnell bläulich werdenden Gebirgszug entlang ins Tal und biegt in die Autobahn an der Küste ein. Bald nach Chedera bilden sich die ersten Staus. [… ich habe leider keine Zeit, alles abzuschreiben… Hilde ist inzwischen in der Aharonowitsch-Straße bei Doron und Esthi…] Ich habe kaum Zeit, das Tagebuch nachzuführen […], da kommt kommt Doron nach Hause, und er will nun wirklich […] den Boden aufwaschen, eine Handlung, die im israelischen Slang aus irgend einem Grund mit dem italienischen Wort "Spongia" benannt ist. Ich mache sofort freudig mit – es ist für mich ein Stück Folklore, und ein Stück Erinnerung an unser Leben als junge Eltern in diesem Land: eine große Lache Seifenwasser wird auf den Boden geleert und mit einem breiten schwarzen Gummischieber zuerst in die Ecken verteilt […]

Esthi, für einen Sprung herübergekommen, sagt, sie habe Angst, heute in Tel Aviv zu übernachten. Gestern wurde Riad beschossen [Hauptstadt von Saudi-Arabien] Aber sie habe noch zu arbeiten und keine Kraft mehr, in den Norden zu fahren. Am besten würden wir heute bei Miki imTel Aviver Vorort Savion übernachten. Ich habe nichts dagegen. Zehn Tage bin ich im Land und habe meine Schwägerin noch nicht gesehen. Ich denke, sie wird sich freuen, mich endlich zu begrüßen. Ich soll anrufen und ankündigen. Schließlich sei es Davids Schwester. – Für einen Europäer schwer vorstellbar: so peinlich, wie man meinen könnte, ist dies nicht. Miki kann froh sein, dass wir nicht unangemeldet kommen, denn auch das wäre hierzulande denkbar. Ich habe allerdings die unangenehme Aufgabe, auch Nachbarin Chaja anzusagen, der Esthi sich verpflichtet fühlt.

Mitten in dem Durcheinander – wir diskutieren in der Diele, die Wohnzimmermöbel sind halb und halb auf den Fernseher gehievt, damit die andere Seite von der Spongia trocknet = kommt David A. guten Tag sagen; aber es stört ihn nicht. Er begibt sich ohnehin bald ins Arbeitszimmer an den Computer und stellt ein Spiel-Programm ein, beidem komplexe würfelige Konfigurationen in sieben Farben auf den Grund eines netzartigen quadratischen Eimers fallen. Wie kann man bloß mit so einem Blödsinn seine zeit verplempern. Wir schrubben den Fußboden zu Ende – den Schlafzimmertrakt überlasse ich der Intimität des jungen Paares – und packen unsere Sachen, denn um sechs hat Chaja uns zum Abendbrot eingeladen. Ich fand es besser Miki damit in Ruhe zu lassen.

[…]

Savion, Dienstag Nacht, 22. Januar

"Willkommen, Schwägerin!" sagt Miki schnippisch, "zeigst du dich auch schon?" Sie werkelt zwischen Herd und Ausguß und dreht sich kaum zur Begrüßung um; würde ich sie nicht so gut kennen, könnte ich meinen, sie sei ernsthaft eingeschnappt. Wie sie uns endlich anschaut, wirkt sie müde und abgespannt. Leider habe ich nichts von den liebevoll vorbereiteten Symbolgeschenken bei mir, nicht einmal die Fotos aus Warschau, der Geburtsstadt des Schwiegervaters [also des Vaters von David und Miki, wo David den Doktor honoris causa erhielt, deshalb der Besuch in Warschau], denn ich komme direkt von Esthi aus Galiläa, und der Hauptharst meiner Reisegüter befindet sich noch in Uris Schrank in dem Stadtteil, das sich "Hand des Propheten Elias" nennt. [Diesen Witz musste ich natürlich abschreiben. Ich meine nicht "das Stadtteil" – denn "das Teil" ist für mich etwas anderes, wenn ich an meine Mutter denke – sondern die "Hand des Propheten Elias"! Jad Elijahu ist nach Elijahu Golomb benannt, "der Aktivist", einer der Führer des militaristischen Zionismus, und Jad ist hier natürlich genauso wenig "Hand" wie in "Jad waSchem", sondern im Sinne von: "im Gedenken an". Jad Elijahu, wo wir und Idits Eltern tatsächlich wohnten, war genau zwischen Hatikwa und Ramat Gan – das ironischerweise besonders von Irakern besiedelt ist -, den beiden Gegenden, wo am meisten Bomben fielen während des ganzen Krieges …]

[…]

"Wollt ihr eine Tasse Tee – " Dazu kommt es nicht mehr; knapp eine Viertelstunde sind wir hier, und die Sirenen heulen.

[…]

Endlich geben beide Medien zusammen mit den Sirenen die Entwarnung bekannt. Sofort schrillt der heiße Draht. Esthis Vater ruft wie immer als erster an. Während wir hier nur wissen, daß eine Rakete "in der Mitte des Landes" niedergegangen sei, hat Gombrecht bereits im europäischen Fernsehen eine Kolonne von Krankenwagen gesehen und berichtet von fünfzig mittel bis schwer Verletzten und einer ernsten Lage. Ich kann es nicht glauben. Ich beschließe mit David durch die Luft, daß unser  M'chutan zu schwarz sehe. Wir würden doch sonst hier als erste davon erfahren! – Ich werde noch viel naiven Kinderkriegsglauben verlieren müssen.

[…]

Der Pessimismus meiner Kinder ist gar nichts gegen Mikis Einschätzung der Lage. So amerikabesessen sie und ihre Familie immer war, so schnöde und enttäuscht kritisiert sie jetzt die Amerikaner: "Sie sind strohdumm, und Saddam Chussein wickelt sie vollkommen ein. Von so und so vielen Volltreffern berichten sie – dabei haben die Iraker bloß Papp-Attrappen von Flugzeugen und vor allem von Abschußrampen hingestellt und Landebahnen mit schwarzer Farbe bemalt, daß sie wie Rauchwolken aussehen. Und die Amis fallen klaftertief drauf rein! Wie der Diktator sich jetzt ins Fäustchen lach! Stell dir den Triumph vor, diese Blödriane so anzuschmieren! Ich sag dir, er ist klug. Er ist sehr klug."

Für mich wird es noch ein paar Kriegswochen dauern, bis ich weiß, daß dieses Spiel mit Luftbild-Attrappen schon im ersten Weltkrieg gehandhabt wurde, als das Flugzeugfliegen noch ganz neu war, und daß die Amerikaner solch uralte Kriegslist sehr gut parieren und natürlich zwecks Propaganda verschleiern. An diesem Abend wird allmählich klar, daß die heutige Rakete in Ramat Gan ein dicht besiedeltes Gebiet getroffen und viele Menschen verwundet hat, und daß wir hier nicht als erste, sondern als letzte davon hören. Wir rufen entsetzt Freund und Bekannte an, die in dieser Gegend wohnen; vor allem David A., seine Braut und ihre Familie – sie sind in Ordnung. Wir können uns beruhigen.

"Aber weißt du"' sagt Miki später nebenbei, "Vor den Raketen habe ich nicht so sehr Angst. Ich habe meinen eigenen Saddam Chussein da in mir drin."

Das kann ich ihr gut nachfühlen. Ich weiß genau, was sie meint.

MUTTER ZWISCHEN DEN FRONTEN

Ich habe übrigens während dieses Krieges an Wolf Biermann einen Brief geschrieben:

https://abumidian.wordpress.com/deutsch/biermann

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