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Samstag, 26. Januar

Ich saß die halbe Nacht über meinen Tagebuchnotizen – seit gestern habe ich das Zimmer für mich. […] Der Schlafmangel rächt sich massiv. Aber ich muß dies Notizen formulieren, zurechtrücken. Es kann ein hübsches Manuskript werden, bei der Vielfalt, die ich hier erlebe. Und ich MUSS ZEIGEN, DASS ICH ETWAS ZU TUN HABE. –

[…]

Das Schreiben geht immer zähflüssiger. Es ist vergleichsweise leicht, eine fingierte Geschichte zu schreiben, oder gar eine nicht erzählerische Dichtung: das Leben aufzuzeichnen, so wie es passiert, nichts auszubügeln, was ich denke, was ich fühle, und daraus ein Manuskript zu machen, das nur halbwegs so komisch und verblüffend ist wie das Geschehen selbst – das ist eine langweilige Fließbandarbeit und stellt zugleich höchste Anforderungen ans sprachliche Können – viele gleiche Abläufe sollen als immer neue geschildert werden, dauernd müssen dumme Füllworte gelöscht werden, die sich in den scheinbar realistischen Text automatisch einschleichen, und dauernd muß darüber entschieden werden, welche Einzelheiten wegzulassen sind; wenn ich alles beschreibe, was an einem Tag geschieht, also auch wann ich auf die Toilette gegangen bin undsoweiter, ist das Leben im Gestrüpp der Erzählung nicht mehr sichtbar. Ich soll also nichts auslassen und zugleich so viel wie möglich auslassen. Das gibt eine Blockade. In einem bestimmten Moment entsteht eine Interferenz, Wellen aus zwei Richtungen vernullen sich […u.a. zermantscht sie Unmengen von Mandeln während des Schreibens…]

 

Esthi, wenn ich mich zwischendurch blicken lasse, schaut nur noch mitleidig: Was willst du aufschreiben, wenn du bloß schreibst und nicht lebst? – Was hast du gesagt? – O weh, das rechte Ohr ist mir verklebt. Jetzt, mitten im Krieg, kann ich keine Ohren spülen. Ich darf tagsüber nicht mehr Wachs benutzen. Wie stehe ich es dann durch, mit oder ohne Schreiben – diesen Lärm?

Alarm: Hilde, kannst sitzen bleiben. Ich kann den Schnüffel auf die Nase ziehn und weiterschreiben. In der versiegelten Zimmerflucht bin ich ja.

[…]

Fünf Raketen wurden abgefeuert, drei auf Tel Aviv, eine auf Haifa, eine auf Riad. Die Patriots haben sie alle geschnappt.

 

Uri telefoniert aus dem Kibuz Samar [also doch! Samar ist auf halben Weg nach Riad…] Ja, es sei alles in Ordnung. Auch bei den Eltern Gottlieb. Und morgen kämen sie zurück nach Tel Aviv.

Mir wird heiß und mir wird kalt. ICH HABE ES LÄNGST GEWUSST: DAS IST MEINE STRAFE FÜR DIE MANDELN. – Ich rufe Daivd in der Schweiz an, flehe ihn an, Uri zu überreden, Uri zu überzeugen (aber es ist meine Schuld, weil ich ALLE Mandeln verzehrt habe, weil ich […]

 

Der Krieg besteht heute vor allem aus innenpolitischen Problemen. Da gibt es Wirtschaftliches: Wurde im ersten Schock über die Bombardierungen die Bevölkerung dazu angehalten, in den Wohnungen zu bleiben – also der Arbeit nicht nachzugehen – heißt es jetzt schlicht, dies sei nur ein "Ratschlag" gewesen, keine "Verordnung", und die ausgefallenen Arbeitstage (es geht um die ersten drei der vergangenen Woche) würden den Angestellten nicht bezahlt werden. […] Außerdem hat sich – wohl auch im Zusammenhang mit wirtschaftlicher Pleite – "Tschitsch", wie man den Tel Aviver Bürgermeister nennt, einen kläglichen Lapsus geleistet. Er nennt die Stadtflüchtigen "Arikim" – Deserteure… […] Die Zivilbevölkerung – Frauen, Kinder und Greise – sind definiert als Soldaten in diesem Krieg, die aus ihren gefährlichen Stellungen, den Wohnungen, nicht desertieren dürfen.

[…]

 

 

 

 

 

 

 

MUTTER ZWISCHEN DEN FRONTEN

 

 

 

Ich habe übrigens während dieses Krieges an Wolf Biermann einen Brief geschrieben:

https://abumidian.wordpress.com/deutsch/biermann

 

 

 

 

 

 

 

 

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