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Abigajil


von Uri Shani

Deutsche Übersetzung David und Hilde Shmerling

Eine feministische Lesart hat etwas Verschwörerisches, und das Verschwörerische steht zwischen den Zeilen.

Die biblische Beschreibung von Awigails Taten kann entweder auf eine noch aktivere Rolle hinweisen, die sie im ganzen Geschehen gespielt hat oder umgekehrt verheimlichen, dass Awigail die entscheidende Rolle spielte. Meiner Meinung nach hat sie jedenfalls mehr getan als das, was erzählt wird.

Kapitel 25 im Buch Schmu’el A ist sozusagen eine feministische Erzählung, denn da ist die Rede von  einer Frau, die namentlich erwähnt wird, und die einen ganzen Monolog vor einem Mann (David !) hält – etwas  sehr Seltenes in der Bibel. Dieser Monolog ist aber keineswegs feministisch. Wohl beinhaltet er den Versuch einer Beeinflussung und Überzeugung, jedoch aus einer unter­wür­figen, ängstlichen und schmeichelnden Stellung heraus. Und dies umso mehr, als es sich bei dem Angesprochenen um einen brutalen Bandenleader handelt, der in der Geschichte – weder vor noch nach dieser Situation –  nicht gerade als Feminist bekannt geworden ist.

Wenn wir Awigails Geschichte als feministische Erzählung lesen wollen, müssen wir zwischen den Zeilen lesen.

Zwischen den Zeilen gelesen drängen sich zwei Ereignisse auf: Zuerst das Wort „wajanuchu“   = „und sie ruhten“ (Vers 9), auf das wir noch zurückkommen werden; das zweite, bedeutungs­­vollere ist in den Versen 38-39 an­ge­geben : „..und Nawal erstarb das Herz im Leibe, und er ward zu Stein…“ Nach zehn Tagen starb er. – Was geschah während dieser zehn Tage? Was geschah während der „Ruhe“ der Krieger nach Vers 9 im Hause Nawal?

Diese und andere Fragen stehen an der Basis meines Lesens, und so möchte ich die Geschichte folgendermaßen erzählen:

Der Prophet Schmu’el starb. Er war zwar nicht der König, aber eine vereinende, zusammen-schmiedende Kraft in einer Zeit von größter militärischer Unsicherheit, tiefster Spaltung des Volkes in zwei Lager und zunehmender, gravierender Kluft zwischen den gesellschaftlichen Schichten. In seinen letzten Jahren war er selbst zum eigentlichen Brennpunkt dieser Spaltung geworden; sein Begräbnis wurde im ganzen Land von volksreichen Zeremonien begleitet, die in den Augen der Gefolgsleute König Sauls Protestdemonstrationen gegen den König dar­stell­ten. In den Bergen um Chewron, neben der Wüste Paran, wohin David mit seinen Banden ge­flo­hen war, pflegte ein Mann namens Nawal einträgliche Geschäfte, unbekümmert um Politik – bis David fand, dass er auch einen Anteil an diesen Gewinnen haben sollte. Er sandte einige seiner Bur­schen zu Nawal mit einer Meldung in typisch verblümter Form, die eine eindeutige Drohung bein­haltete. Nawal empfing die Leute höflich und klug, seine Frau Awigail aber, die Speis und Trank aufgetischt hatte, obwohl sie mit den Vorbereitungen zu einem großen Fest

am nächsten Tag voll beschäftigt war, hörte die Nachricht mit und empörte sich über die Frech­­­heit. Sie bereitete den Männern dennoch ein Nachtlager und eilte zu ihrem Gemahl, den sie in einer schweren Entscheidungskrise vorfand. Und sprach so zu ihm:

„Mein lieber Gatte! Wie ist es möglich, dass du am Vorabend unseres fröhlichen Schafschur­festes so betrübt sein kannst? Wirst du diesem ungehobelten Pöbel gestatten, uns die Freude zu verderben und dein Hab und Gut zu plündern? Ist es nicht dein Verdienst, all diesen Reichtum erworben zu haben? Dank harter Arbeit und deiner konsequenten Haltung, dich nicht in den schmutzigen Bürgerkrieg einzumischen? Und nun sollst du plötzlich Partei ergreifen? Gegen den König auftreten? Und nicht aus politischer Überzeugung, weil es nicht anders geht – sondern aus Feigheit!“ – Nawal antwortete nicht, er schaute sie nur mit großen Augen an.  Dann sagte sie: „Willst du den Burschen noch einen Preis dafür geben, dass sie deine Frau um ein Haar betätschelt hätten, als diese ihnen die Betten bezog?!“ Nawal kam zu ihr, umarmte sie zärtlich, und sie spürte, dass er sich entschieden hatte. Ohne auf die letzte Bemerkung Awigails einzugehen, schickte er Davids Burschen mit spöttischen Bemerkungen und einer klaren, unmissverständlichen Ablehnung ihres Anliegens fort.

Bei Einbruch der Nacht scharte David seine Leute um sich und befahl ihnen, sich auf einen Rache­überfall auf Nawal vorzubereiten. Auch im Hause Nawals ging einiges vor: Awigail war mitten in den Vorbereitungen für das Festessen, als Arbeiter zu ihr kamen mit etwelchen Kla­gen und unter anderem auch der Meldung, David und seine Leute seien im Anmarsch, um Rache an allen Hausbewohnern zu nehmen!

Awigail erfasste ein Schaudern, und sie sprach zu sich selbst: „Welch ein Unglück habe ich auf mein Haus geladen! Warum habe ich mich überhaupt in diese dumme Sache einge­mischt? Meinetwegen wird das ganze Haus zerstört, ganze Familien werden sterben und dann natürlich zuerst Nawal! Und ich!! Ich will nicht sterben! Ich habe noch keine Kinder geboren. Ich bin noch jung! Warum habe ich das getan?

Und jetzt kann man nichts mehr machen. Gar rein nichts. Alles weiß, was für ein Verbrecher dieser David ist! Nichts, gar nichts kann ihn beeinflussen. Aber versuchen muss ich es allemal.  O mein Gott! O mein Gott!“

Sofort gab sie Anweisung, ein reichhaltiges Mahl einzupacken, mit dem Risiko, dass man den Fehler in der Festordnung bemerken würde, und schickte ein paar Arbeiter in Richtung Paran voraus. Sie ging in ihren Ankleideraum, allein, und schloss die Tür ab. Plötzlich erfasste sie ein eigenartiges Gefühl, das sie sich nicht erklären konnte. Hatte sie von dem Wein getrunken, der für die Leute bereitstand, denen sie begegnen würde? Nein. Sie zog ein Reisekostüm an, und als ihre Hände das Kleid über den Körper streiften, durchzog sie ein feiner elektrischer Strom – vom Stoff anscheinend. Lange zögerte sie, wie sie sich schminken sollte. Und was, wenn ihr Mann sie sehen würde? Nein, das durfte nicht passieren. Er durfte nichts wissen!! Im Spiegel sah sie eine Träne im Augenwinkel, und die rann ihr über das Rund der Backe hinab. Sie beeilte sich wegzukommen, schlich leise hinaus, nach letzten heimlichen Anweisungen, bestieg ihren Esel und verschwand in der Dunkelheit.

Lange ritt sie auf dem Esel durch die Wüste. Der Esel bockte nicht und klagte nicht, der Ritt ging leicht bergab, und Awigail kannten und liebten ja Tiere wie Diener und Arbeiter. Plötzlich merkte sie, dass sie nach Westen ritt, dem letzten Tageslicht entgegen. Zog das Licht sie an? Oder wollte sie etwa dorthin entkommen?? Ohne sich Rechenschaft darüber abzu­legen, trieb sie den Esel an.

„Ja, es stimmt, ich versuche zu fliehen. Und vielleicht ist es das einzig Richtige. Aber wohin? Ich habe nichts bei mir…“ – Sie konnte den Gedanken nicht zu Ende führen, denn schon sah sie vor sich die Karawane der Kamele und Esel, die sie beladen mit Brot und Wein vorausge­schickt hatte. „Ach so, die versuchen auch zu fliehen. Denen will ich es aber zeigen!“ Sie trieb den Esel noch mehr an. Und noch verärgert und außer Atem sah sie, dass die Karawane plötzlich anhielt. „Anscheinend haben sie mich gesehen und folgen mir jetzt.“

Aber nein, keiner der Dienstleute wandte ihr das Gesicht zu. Alle schauten wie versteinert nach vorne. Und dann sah Awigail es auch : Vom Hügel gegenüber kamen Krieger auf Pferden herab, und noch mehr Krieger und noch mehr !

Ein ganz seltsames Gefühl stieg in Awigail auf. Angst vor David und seiner Bande, aber auch Bewunderung durchströmte ihre Brust. Bewunderung vor der Macht und Klugheit dieses Mannes. Irgend etwas zog sie vorwärts, und sie überholte alle Kamele, ohne die Männer an­zusehen, aber auch diese senkten die Augen und merkten deshalb nicht, dass sie nicht tadelnd auf sie schaute, sondern eine einzige Figur in der Dunkelheit fixierte.

Sie war sich dessen bewusst, dass sie selbst ihren Mann dazu ermuntert hatte, David gegenüber      so hochmütig und beleidigend zu sein. Und doch – ihr Verhalten und ihre Worte zu David waren jetzt ebenfalls voller Unterwürfigkeit, doch auch von überwältigender Klugheit geprägt, Worte, die sie äußerst sorgfältig ausgewählt hatte. Und dies im Schein von Fackeln in den Händen der Krieger, was die Konturen ihres Körpers im Halbdunkel vortrefflich zur Geltung brachte. Häufig unterbrach sie ihre Rede, beobachtete genau Davids Augen und Mundwinkel und dachte: „Dieser Hund! Wieso frisst er mich nicht auf? Riecht er nicht den Angstschweiß bei mir?“ Und doch war in diesem Gedanken kein Hass.

All dies, zusammen mit den vielen guten Dingen, die Awigail und ihre Leute Davids Burschen übergeben hatten, stimmte David um; er war versöhnt und ging mit seinen Leuten zurück, wo er hergekommen war.

So auch Awigail und ihr Gefolge. Einige lachten, andere sangen Lobpreisungen, wieder an­de­re weinten vor Freude – doch Awigail sprach mit niemandem ein Wort; sie ging still ihres We­ges und reagierte auf kein Lob und keine Bitte. Sie hörte nur wieder und wieder Davids Worte: „Gepriesen sei der Ewige, der Gott Israels, der dich an diesem Tag zu mir geschickt hat!“ Und: „…du, die du mich an diesem Tag davon – abhieltest!…“ –  Es lag etwas Messerscharfes in diesem Wort, und auch noch etwas ganz anderes. „Dieser Mensch, der mit einem Handschlag Dutzende von Männern, Frauen und Kindern umzubringen vermag, sagt mir, ich hätte ihn davon ‚abgehal­ten’. Abgehalten? Gehalten? Gefangengehalten? In welchem Kerker? Wie?“

Gefühle von Macht und Stolz stiegen in ihr auf, doch jetzt näherten sie sich dem Haus, aus dem noch die fröhlichen Klänge der Festmahlzeit zu hören waren. Nawal war stockbesoffen und hatte die schicksalhafte nächtliche Abwesenheit seiner Frau gar nicht bemerkt. Und als das Fest zu Ende war, gingen sie schlafen.

Wer die ganze Geschichte haben will:

http://aphorisma.de/catalog/abigajil-p-5857.html

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