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Montag, 21. Januar

Nach Tagen, die länger zu sein scheinen, weil äußerlich nichts mit uns geschah, folgen solche voll von hektischem Geschehen, die deshalb länger zu sein scheinen. Monate später wird es mir schwer fallen zu verstehen, warum ich mich bei Edith und Uri so wohl zu fühlen glaubte und nachher so enttäuscht war. Schließlich hatte es an diesem Wochenende einiges an Reibereien und auch Argwohn meinerseits gegeben, aber ich war nicht bereit, eigene häßliche Gedanken ernst zu nehmen, selbst wenn ich mit ihrer bewußt. Uris Sohnesliebe empfand ich als Geschenk, und die seltenen Explosionen zwischen uns, obwohl sie heftige Gefühle in mir auslösten, wurden überstrahlt von seiner ruhigen Großzügigkeit und Ediths warmherzigem Wesen.

Heute Morgen fährt Anita ins Laboratorium der Universität, um sich wenigstens Arbeit nach Hause zu nehmen. Uri ist auch für eine Stunde dort, und es gibt ein ziemliches Durcheinander mit Hin- und Rückfahrten, denn der Stadt-Busverkehr liegt lahm, und Edith und ich sind nervös, daß Uri früh genug heimkommt, damit wir noch bei Tag den Süden erreichen. Anita ruft an: sie hat Uri nicht erwischt, um ihn im Auto mitzunehmen, dafür Doron getroffen. Unterdessen höre ich von Doron, sie seien Tagsüber nach Tel Aviv arbeiten gekommen, aber am frühen Nachmittag würden sie nach Galiläa zurückfahren. Esthi und er bitten mich wiederholt, sie zu begleiten, ich sei jetzt lange genug bei Uri gewesen.

Ich habe Lust, mit Edith und Uri noch ein Weilchen zusammenzubleiben, empfinde uns drei als ein gutes Gespann. […]

Es müßte mir auffallen, daß Uri, wie er endlich da ist, seinen Bruder völlig mißversteht. Er fängt an ihn zu fragen, ob er mich denn gar nicht haben wolle… Dabei bin ich es doch, die ihm den Korb gegeben hat […]

"Ja, störe ich euch denn?"

"Ein bißchen schon, Ima."

"Ja wie denn?! – Ich bin in meinem Zimmer…"

"Aber wir müssen uns doch um dich kümmern, Ima. Ich meine – du hast ja nichts zu tun."

"Was?! – Ich?!"

Jahr von Quälerei, weil ich nicht dazu komme, all die wahnwitzigen Pläne auszuführen, die mir im Kopf sind. Stapel um Stapel Notizen, und hundertuneins Interessengebiete.

"Siehst du nicht, was ich alles mit mir schleppe? Und was habe ich bei Gottliebs gemacht?"

"Ima, du hast gesagt, du hast dein arabisches Lehrbuch vergessen." (Den Langenscheidt, der die Schriftzeichen so schlecht vermittelt, daß ich nicht danach lernen kann.) – Ich rufe auf der Stelle Doron an und verabrede, um drei vor dem Haus abgeholt zu werden. Ich habe doch einen älteren Sohn, der nicht glaubt, ich hätte nicht zu tun.

Ich leide an der schlimmen Angewohnheit, ein Problem zu Tode zu reden zu wollen. Die meisten Probleme überleben, und das ist wieder ein Problem. Beim Mittagessen, von Edith wie immer exquisit zubereitet, fange ich von neuem an und will wissen, ob und wie ich störe (doch als meine beiden Augensterne letzten Sommer nach zwei Monaten in Goßau das Feld räumten  – sie waren weiß Gott nicht untätig gewesen [ich habe in der Bank gejobbt] – war ich froh über die hinterlassene Ruhe) – [das scharfe ß in Goßau ist nun wirklich übertrieben, mit aller Liebe zum scharfen ß…]

"Zum Beispiel"' sagt Edith, "gestern, da standest zu zwanzig Minuten im Korridor und starrtest mich an."

[…]

Uri ist ein bißchen erschrocken, daß ich so unverzüglich Konsequenzen gezogen habe. Ich schwinge mir den Rucksack mit dem Nötigsten auf – das meiste lasse ich hier – und umarme beide einige Male – es tut mir leid – es war nicht unfriedlich gemeint –

Wir starren uns an, hilflos, als ströme mindestens eine reißende, betäubende Lethe zwischen uns; dann mache ich, daß ich die Treppe runterkomme. Wir werden uns wieder sehen. Mitten im Galopp habe ich das Pferd gewechselt.

[Ende erster Teil. Bis jetzt fiel es mir nicht allzu schwer zu entscheiden, was abzutippen und aufs internet zu setzen und was nicht, jetzt wird’s schwieriger…]

II)                Dollys Domäne

Montag, 21. Januar

[…]

Ich werde mit großer Herzlichkeit willkommen geheißen und sitze hinten zwischen einer mageren Chaja, die ich kürzlich beim Champagnerfest kennengelernt habe, und Kusine Bruria. Chaja, als Audrey Hepburn-Typ sehr reizvoll, hat ihren bildschönen Kater Tommy bei sich, und das fröhliche Geplauder, die hüpfenden und vorüberlaufenden Häuser und Plätze geben mir en Gefühl von ungewohntem Freisein nach tagelanger Zimmerhaft. Alle Spannungen sind fort – alles ist gut.

[…lange und komplizierte Fahrt in den Norden zu Dolly, der Schwester von Esthis Vater…]

Wir kommen nicht vor Einbruch der Dunkelheit im galiläischen Bethlehem an, und Esthi erklärt nur kurz die Geschichte der Dorfschaft: Deutsche christliche Templer haben sie gegründet und sind als Nazi-Freunde nach der Entstehung des Staates Israel geflohen. [Ich kann mich nicht halten: Meine selige Mutter verdreht natürlich wiedermal die Tatsachen, wie sie es schon an andern Orten hier gemacht hat, und auch anderswo. Die Templer wurden von den Briten im Zweiten Weltkrieg nach Australien deportiert, vertrieben. Diese Angewohnheit, jemandem die Flucht anzuhängen, wenn er vertrieben wurde… na ja…]

[…]

In den ersten Eindruck mischt sich Bewunderung für die kunstgewerbliche Ausstattung: Tante Dolly, bäuerlich-breit und weitherzig, pflegt mannigfache handarbeitliche Hobbies. Dummerweise fällt mir gleich eine Kreuzsticharbeit an der Wand auf, die mich an das Schuldeckchen meiner alten Eita erinnert, gestickt im Jahre des Herrn 1897, und ich breche in Entzückensrufe aus; bis in die späte Nacht wird Dolly nun alle zwei Minuten zu uns ins Zimmer kommen und Patchwork-Decken und Taschen, bemalte Kleiderbügel und Teller, Häkelkissen und Hohlsaumarbeiten zeigen. Dolly ist eine Frohnatur, zufrieden um und um; ich, die ich auch gerne Gäste habe und die große Mutter spiele, sollte etwas mehr von solch kluger Bodenständigkeit gewinnen – was nützt mir mein spindeldürrer Geist?

[…]

Esthi ist nicht nur lieb zu mir, sie durchschaut mich auch beispielhaft. Warum bist du traurig, Hilde? – Wirklich ein Jammer, daß ich mich nicht wunschlos glücklich fühlen kann in solch einem Heim. Wie David endlich anruft, breche ich in Tränen aus. Ich schleppe den Apparat in die dunkle Diele und heule ihm eine halbe Stunde vor – die Zeche werde ich in spätestens zwei Monaten ans Telefonamt Rapperswil selbst berappen – "zwanzig Minuten, hat sie gesagt. Zwanzig Minuten hätte ich sie angestarrt. Wie kommt sie nur auf so etwas?"

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