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Freitag, 25. Januar

Ich bin mit Uri L. nach Kiriat Tiw'on gefahren. Ihn habe ich noch gar nicht beschrieben. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn Uri L., ein kleinwüchsiger Jekke bis in die letzten Stimmbänder, ist unaufdringlich immer da und spricht nur, wenn er dazu aufgefordert wird. Er fährt jeden Morgen nach Kiriat Tiw'on, um sich die Zeitung zu kaufen. So konnte ich mitfahren.

 

Das liebe Haus am "Kreiselweg" empfängtmich warm wie immer, oben an der Treppe steht Ednas Tochter Awgar mit ihren beiden Kindern und bildet für mich eine seltsame Vision: die junge Frau, die da unbeweglich steht, ein Kleinkind auf die etwas breit gewordene Hüfte gestemmt und eines daneben und, mit dem ihr eigenen unverkennbaren Akzent freudig ausruft: "Hilde – " ist, mit einem Zeitsprung von kurzen zwanzig Jahren, Edna mit zwei ihrer Kinder.

 

Aber dann ist es doch Awgar, und Edna fehlt mir. [Mir auch, sie ist drei Monate nach meiner Mutter im Sommer 2004 gestorben…]

 

In Erinnerung an alte Zeiten [Zürich, sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts…]spaziere ich die paar Schritte zur Autobusstation zurück, wo ein kleines Einkaufszentrum ist, wechsle etwas Geld – hier, auf dem Land, geht das schon recht manierlich zu, fast schweizerisch – und kaufe ein paar Spielzeuge für Awgars Kinder. Awgar macht mir Kaffee, und wir essen eine Kleinigkeit. Ich erfahre, daß Awgars Vater, wie ich vermutete, nicht aus Not nach Südafrika ausgewandert ist, sondern weil es ihm langweilig war, und daß Edna ihre gute Stellung als Leiterin einer Sonderschule aufgegeben hat und mitfuhr, weil sie sich schließlich nicht scheiden lassen wollte. Im Haus ist fast nichts verändert worden, wie könnte man auch, aber irgend ein Stück Seele fehlt.

 

Für diese Notizen von Belang ist die Besichtigung des Kinderzimmers, früher Awgars Mädchenzimmer. Da liegt der Spezialschnorchel für das dreijährige Töchterchen, der zusätzlich einen Schlauch und eine Sauerstoffflasche hat, und da steht eine Art Aquarium oder Brutkasten, wo Juwal, der Einjährige, hineingesteckt werden muß, wenn im ganzen Land die Sirenen schreien. Zwar sind die Kinder hier nicht in Gefahr, aber ich kann Awgar verstehen, daß sie vor den Alarmnächten unbeschreiblich Angst hat. Nächste Woche fährt sie nach Südafrika die Eltern besuchen; das sei schon lange ausgemacht gewesen, lang vor dem Krieg.

Schwester Ejnat ist nicht mehr hier. Es sei ihr zu langweilig gewesen, sie habe nach Tel Aviv zurückfahren wollen. [Ja, dort ist es ihr jetzt nicht langweilig… allerdings – jetzt, als wirklich jetzt, 2011, lebt sie wieder in Tiv'on, ich hab sie vor drei Tagen an der Kreuzung getroffen…]

[…]

Um zwei kommen Doron und Esthi mich auf dem Rückweg von Haifa abholen – sie sind nicht nach Tel Aviv gefahren für den halben Tag. "Aba –" sagt der kleine Juwal, "Aba, Aba!" Also: "Papa, Papa!" Er kennt keine andere Bezeichnung für "Mann". Mein Sohn wirkt so erwachsen in seinem Gabardinemantel. Er hat schon einige Silberfäden in seinem schwarzen Haar. Und seine alte Mutter ist noch gar nicht grau. Vielleicht ist es Zeit für ihn, daß er Papa wird –

 

Freitag Abend

[…]

Wieder ist Erew Schabat, und wieder wird er nicht begangen werden.

[…]

Prompt die Alarmsirenen. Es ist gerade erst sechs. Saddam Chussein hat noch bei Tag die Rampen aus dem Fuchsbau geholt.

Im Laufe des Abends erfahren wir mehr oder weniger verschlüsselt, dass Tel Aviv mit sieben Geschossen bedacht wurde, zwei haben getroffen und Gebäude beschädigt […] mir wird schon von hier aus schwach zumute beim Gedanken an die Gottliebs im Eckzimmer der vierten Etage eines Hauses, in dessen naher Umgebung schon zum dritten Mal eine Rakete fiel.

[…]

Nun irgendwie zustande bringen, Gott dafür zu danken, daß wir noch einmal davongekommen sind, und heute mindestens den Kidusch sagen. – Esthi geht sofort darauf ein, stellt Kerzen und sagt auch selbst den Segen darauf. (Meine Söhne werden sich standhaft bis zum Schluß  [zum Schluß wessen?] weigern, irgend einen Segensspruch zu sagen: die Wut über Gruppierungen unter den Frommen, die destruktive Politik treiben, hat zu meinem Bedauern und meiner Betrübnis das Kind mit dem Bad ausgeschüttet.) – Esthi, liebes Esthi: so fremd du mir manchmal bist, du bist wohl meine Schwiegertochter wie die Ruth aus der Bibel. Ich bin froh um dich.

 

MUTTER ZWISCHEN DEN FRONTEN

 

 

 

Ich habe übrigens während dieses Krieges an Wolf Biermann einen Brief geschrieben:

https://abumidian.wordpress.com/deutsch/biermann

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