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Die Schabatschnur

Die Affäre Schabatschnur markierte eine bedrückende Niederlage für Salomon Isaac Borchardt in Jastrow.
Jastrow war die Stadt, in der er aufgewachsen war, und die er liebte. Er kam hierher als Kleinkind, zwei Jahre nachdem sie deutsch geworden war, und sie war seine ganze Welt. In Jastrow half er bei der Gründung der neuen schönen Synagoge, wo er Johanna Fränkel geheiratet hatte, die Tochter von Jacob Fränkel. Es war die erste Hochzeit in der neuen Synagoge, 1794, in Jastrow waren seine zehn Kinder geboren und aufgewachsen, und in Jastrow war sein Großvater, Samuel Solomon Meschullam Borchardt begraben. Jastrow war eine Stadt der fleißigen Handwerker, Tuch- und Schuhmacher, Schneider, Bäcker, Tischler, und Metzger. Es lebten hier deutsche Protestanten mit katholischen Polen und mit Juden, die meisten von ihnen Deutsche. Einmal in der Woche, am Freitag, war Markt, und die Bauern aus der Umgebung verkauften ihre Produkte. In Jastrow gab es auch eine kleine jüdische Schule, und seine ältesten Söhne Isidor und Max lernten dort. Und in diesem Jahr fing auch sein Sohn mit der Schule an. In einer neuen Klasse, jetzt gab es zwei Klassen an der Schule, die gewachsen war, denn mehr und mehr Juden kamen nach Jastrow. Als Salomon mit seinen Elten nach Jastrow kam, gab es hier zwanzig oder fünfundzwanzig jüdische Familien, nun lebten fast hundert jüdische Familien in der Stadt, und sie machten schon einen Sechstel der Bevölkerung aus.
Wohlstand und Entwicklung nahmen eine unerwartete Wendung, als der Krieg begann. Napoleon der Franzose eroberte Europa, und im Jahre 1806 besetzen französische Truppen die Stadt. Friedrich der Große war nicht mehr am Leben, und Napoleon sagte, wenn Friedrich der Große Preussens Königs gewesen wäre, wäre er nie so erfolgreich gewesen. Für Salomon war Friedrich der Große ein bisschen wie sein Großvater Meschulam, beide waren etwa gleichzeitig gestorben, sein Großvater, als er 12 war, und Friedrich der Große, als er 15 war. Sie waren beide in ihren Ansichten fortschrittlich, sie waren beide alte beeindruckende Männer, so hatte er sie in Erinnerung, den einen von nah, den andern von Geschichten.
Der Krieg zog sich in die Länge, und vor zwei Jahren ging die Stadt in die Hände der Preußen, der neue König von Preußen beschloss, Jastrow zu einer Garnisonsstadt zu machen. Die Unterhaltung der preußischen Soldaten war eine schwere Last für die Stadt, aber auch die Stadtmauer war überflüssig geworden und wurde geschleift. Viele Juden begannen, über die Notwendigkeit einer neuen Schabatgrenze zu sprechen, aber es gab viele andere, wie Salomo, die dagegen waren. Es gelang ihm, den Rabbiner der Stadt, Joachem-Chaim Isaak zu überzeugen. Der Rabbiner diente der Gemeinschaft nun seit fünf Jahren und war auch in seinen Ansichten liberal.
Die Debatte erreichte jetzt ihren Höhepunkt, im Jahr 1810. Im vergangenen Jahr hatten zwanzig jüdische Bewohner der Stadt die Bürgerschaft gekauft, und die meisten von ihnen unterstützten Salomon. Die Juden, die die Schabatgrenze forderten, also eine Schabatschnur, riefen eine Sonderversammlung ein. Johanna, seine Frau, sagte ihm, als er zur Sitzung ging: "Ich hoffe, dass du sie überzeugst, Solomon. Ich fürchte, die Schabatschnur würde unsere guten Beziehungen mit unseren Nachbarn trüben, den Deutschen, und vor allem den Polen."

Die Atmosphäre in der Sitzung war angespannt. Diejenigen, die die Schabatschnur forderten, waren laut und sprachen über den heiligen Schabbat und den Zorn Gottes. Salomon versuchte sie mit der folgenden Rede zu beruhigen:
"Meine lieben Freunde!
Wir versammeln uns hier, um Eure Forderung zu diskutieren. Ich möchte Euch ein paar Dinge über diese Stadt in Erinnerung rufen. Jastrow hat in den vergangenen 80 Jahren die schwersten Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten erfahren. Im Jahre 1733 wurde hier der Hexenprozess gehalten. Bei dem feierlichen Umzug der Tuchmacher im Jahr 1726 wurde Katarzyna Dörr, die Tochter eines von Michał Dörr, einem Jastrower Weber, von einer Waise namens Dorota besucht und bot dieser Brot und Fleisch an. Als die beiden Mädchen dem Umzug zusahen, bemerkten sie den gut aussehenden jungen Krzysztof Betke. Kurz darauf begann Dorota aus Neid der Katarzyna vorzuhalten, dass sie nach ihrer Bewirtung Beschwerden habe. Nach zahlreichen Vorwürfen und Beschuldigungen seitens Dorota wurden Anna und Katarzyna der Hexerei beschuldigt.

Michał Dörr, welcher vollkommen davon überzeugt war, dass seine Frau und seine Tochter unschuldig waren, forderte darauf, sie nach dem Magdeburger Recht der "Wasserprobe“ zu unterziehen. Beim dreimaligen Tauchen ins Wasser galt aber ihre Schuld als bewiesen, weil die beiden Frauen nicht untergingen sondern mit der "Kraft des Teufels“, d.h. durch den Widerstand der Gewänder, empor getragen wurden und an der Wasseroberfläche schwammen. Als Michał Dörr dies sah, verstieß er für immer seine Frau und seine Tochter. Nach dieser "missglückten“ Wasserprobe warnte Anna Dörr ihre Tochter, sie müsse die Folter mit gebissenen Zähnen durchstehen und dürfe kein Geständnis ablegen. Als erste wurde die Mutter der Folter unterzogen. Die Schmerzen verursachten aber, dass die halb bewusstlose Frau ihre Schuld zugab und gestand, ihre Tochter sei auch eine Hexe. Es wurde beschlossen, mit Katarzyna gleich zu verfahren. Aber auch unter schrecklichen Schmerzen wurde bei ihr kein Geständnis erwirkt. Das Gericht urteilte aufgrund der Aussage der Mutter. Die Tochter wurde für ewige Verbannung aus der Stadt und die Mutter zum Tod durch Verbrennung auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Die beiden Frauen wurden in eine Gefängniszelle abgeführt, in der sie bis zur Bestätigung des Urteils durch den Starosten bleiben sollten. In Kürze kam ein Schreiben mit der Nachricht, dass der Starost selbst eintreffen wird, um den Prozess der Hexen genau zu untersuchen. Starost Florian Naramowski hasste im Inneren derartige Verbrechen. Außerdem stand Krzysztof Betke jahrelang als Soldat unter seinem Befehl. Das alles trug dazu bei, dass das Todesurteil in Verbannung aus dem Land umgewandelt wurde. Beide Frauen waren sehr glücklich. Der junge Krzysztof Betke folgte der Katarzyna in Richtung der Grenze.

Die Juden, die sich Salomons Meinung widersetzten, begann zu stören. "Was soll das? Was hat das zur Sache?!!"
"Du hast recht", antwortete Solomon, ohne die Stimme zu erheben. "Dies waren dunkle Zeiten, an die sich keiner von uns erinnern will. Warum sollten wir uns an die Schrecken erinnern, die vor fast 80 Jahre geschahen? Aber kurz bevor die deutsche Regierung von Friedrich dem Großen in die Stadt kam, das ist noch nicht so lange her, im Jahre 1768, spitzte sich der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten zu einem Höhepunkt aller Zeiten. Grade in dem Jahrhundert der Aufklärung wurde in diesen Landschaften die Verfolgung der Deutschen fanatisch, eine protestantische Kirche nach der andern wurde eingezogen, niedergerissen, die hölzernen angezündet; war eine Kirche verbrannt, so hatten die Dörfer das Glockenrecht verloren, deutsche Prediger und Schullehrer wurden verjagt und schändlich mißhandelt. » Vexa Lutheranum dabit thalerum« wurde das gewöhnliche Sprichwort der Polen gegen die Deutschen. Einer der größten Grundherren des Landes, ein Unruh aus dem Hause Birnbaum, Starost von Gnesen, wurde zum Tode mit Zungenausreißen und Handabhauen verurteilt, weil er aus deutschen Büchern beißende Bemerkungen gegen die Jesuiten in ein Notizbuch geschrieben hatte. Es gab kein Recht, es gab keinen Schutz mehr. Die nationale Partei des polnischen Adels verfolgte im Bunde mit den Pfaffen am leidenschaftlichsten die, welche sie als Deutsche und Protestanten haßte. Zu den Patrioten oder Konföderierten lief alles raublustige Gesindel; sie warben Haufen, zogen plündernd im Lande umher, überfielen kleinere Städte und deutsche Dörfer, nicht nur aus Glaubenseifer, noch mehr aus Habsucht. Der polnische Edelmann Roskowski zog einen roten und einen schwarzen Stiefel an, der eine sollte Feuer, der andere Tod bedeuten; so ritt er brandschatzend von einem Ort zum andern, ließ endlich in Jastrow dem evangelischen Prediger Willich Hände, Füße und zuletzt den Kopf abhauen und die Glieder in einen Morast werfen. Das geschah 1768, drei Jahre vor meiner Geburt, und einige von euch waren Kinder damals. Roskowski war einer der Gründe, warum es den Deutschen so wichtig war und ist, die Stadt zu regieren, nämlich um das Leben der deutschen Protestanten zu schützen. Brüder, ich spreche hier im Namen Andenken an Friedrich des Grossen, und im Andenken an meinen Grossvater Samuel Salomon Meschulam Borchardt, der Sohn von Edel Borchardt, der Urenkelin von Yomtow "Tosfot" Heller, des Urenkels des Maharals von Prags. Welche Armee sollen wir rufen, wenn so ein Roskowski uns angreift? Die Schabatschnur kann zu einer Entfremdung führen, zu Unzufriedenheit in beiden christlichen Lagern. Wollen wir sie gegen uns zusammenführen? Wir müssen in unserer Stadt die Toleranz und die Akzeptanz anderer Menschen fördern, nicht Separatismus. Jastrow ist unsere Stadt, aber es ist auch ihre. Sie gehört uns allen. "

Solomon hatte geendet. Er war zufrieden. Und es wurde geklatscht, er erhielt herzliche Händedrucke, und doch wurde im Verlauf der nächsten ein Brief im Namen der Juden von Jastrow geschickt, der um die Schabatschnur bat. konnte das passieren?
Rabbiner Joachem-Chaim Isaac, der Salomon unterstützte, verließ Jastrow, die Umstände waren Salomon nicht klar, und der Rabbiner wollte auch nicht näher darauf eingehen, bevor er die Stadt verließ. Als bekannt die Nachricht über den Brief in Salomons Haus bekannt wurde, entrüstete sich sein ältester Sohn Isidor, der jetzt 15 Jahre alt war: "Was tun sie? Es ist vorbei für uns. Wir haben keine Zukunft in dieser Stadt!" Johanna schaute traurig auf ihren Sohn. Er war schön, stark und suchte das Abenteuer.
"Isidor, du solltest keine voreiligen Schlüsse machen. Napoleon ist doch dein Vorbild. Sieh nur, wie er immer wieder gewinnt, auch wenn er Niederlagen einstecken muss. Diese Schlacht haben wir verloren, aber wir werden auch weiterhin für Toleranz und Fortschritt einstehen und gegen die uralten begrenzenden Gesetze. Und am Ende werden wir Erfolg haben."
Isidor verließ die Jastrow, noch bevor sein kleinster Bruder zwei Jahre alt war. Seine Enkelin Zilusch heiratete sechzig Jahre später Jakob Sarasohn, einen der wichtigsten Vertreter seiner Zeit des deutschen Reformjudentums. Der Streit um die Schabatschnur in Jastrow ereignete sich kurz vor der Geburt dieser religiösen Richtung, die die wichtigste im deutschen Judentum wurde, mit ihrer klaren Aussage gegen Separatismus und gegen antike Gesetze, die der modernen Zeit nicht gerecht werden, und ihrem Willen, ein integraler Teil eines offenen und nicht mit Schabatschnüren abgekapseltes Deutschland und Europa zu sein. Heute gibt es Schabatschnüre in Israel und in Amerika, und seit kurzem (2012) auch in Wien, in Deutschland gibt es keine.

Und ich, der dies erzählte, bin ein Urenkel von Johanna, der Tochter von Zilusch und Jakob Sarason.

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