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5 באוקטובר 2020

Die Geschichte der zehn Tage am Sterbebett meines Vaters ist noch etwas, das erzählt werden muss. (Bisher existiert sie auf hebräisch und ist nicht für die Außenwelt bestimmt.) Auf jeden Fall habe ich mich irgendwann zum Entschluss durchgerungen, wieder nach Hause zu fliegen, was genau so schwer fiel, wie der Entschluss zu kommen. Ich kam um Mitternacht an, musste von meiner Frau vom Flughafen abgeholt werden, wegen der Quarantäre-Bestimmungen, um halb drei Uhr (isr. Zeit) bin ich ins Bett und habe zwei Stunden lang geschlafen. In diesen zwei Stunden hat er sich von unserer Welt verabschiedet.

Mein Bruder bat mich, etwas zur Beerdigung zu schreiben. Es sollte nicht länger als zwei Minuten sein. Ich hätte natürlich viel mehr zu sagen….

Doron hat es dann vorgelesen (Da die Beerdigung in der Schweiz war, habe ich das scharfe -ß weggelassen:

Prof. Dr. med. Dr. hc. David Chaim Shmerling, oder einfach: Aba, denn für mich war er immer nur Aba, hatte viele Begabungen, mit Hilfe derer er seine Karriere aufbaute und eine Familie gründete. Er hatte weitreichende Interessen in sehr verschiedenen Bereichen, die nichts mit seinem Beruf und seiner Karriere zu tun hatten. Er bereiste die Welt, meistens von einem Kongress zum andern, liebte klassische Musik, kirchliche Architektur, israelische Archäologie, französische und englische Belletristik. Er pflegte mit Liebe den grossen Garten, den wir in Gossau hatten, und hatte im Keller eine Werkstatt, in der ich ihm gerne zusah, wie er an irgendwas "werkelte". Er war ein Löwe, nicht nur weil er im Sternzeichen des Löwen geboren wurde, sondern in vielerlei Hinsicht, und sprach sehr verschiedene Sprachen exzellent, fliessend und akzentfrei. Nach seiner Pensionierung instruierte er ehrenamtlich die Ärzte des Kinderspitals in Jerewan in Armenien, was ihn sehr begeisterte, unter anderem, da das Schicksal der Armenier ihn seit seiner Jugend begleitete, nachdem er "die vierzig Tage des Musa Dagh" gelesen hatte. In seiner Bibliothek fand ich die beiden Bände der ersten hebräischen Übersetzung dieses umwerfenden Romans von Franz Werfel aus dem Jahr 1934, der Roman, der den Armeniern eine Seele gab, wie sie selber sagten, und der die hebräische Jugend in Palästina wie auch die Ghettokämpfer in Europa inspirierte. In diesem Roman sagt das Haupt der Derwische, der Scheich Ahmed: "Es gibt ein zweifaches Herz. Das fleischliche und das geheime himmlische Herz, das jenes umschliesst, so wie der Duft die Rose einhüllt."

Während seiner ersten Dienstzeit, längst bevor er Aba und Professor usw. war, diente er in Grand Arenas bei Marseille, in einem Flüchtlingslager, und einmal musste er gefälschte Pässe an den französischen Polizisten vorbeischmuggeln. Er stand da mit zwei Koffern voller gefälschter Pässe, und der Polizist fragte, was er da habe, und er sagte lachend: "Gefälschte Pässe!" Beide lachten, und der Polizist ließ ihn durch. Aba hatte Charme, und Witz, und die Fähigkeit zu überzeugen, und Selbstbewusstsein. Jetzt steht er da, vor einem Grenzpolizisten ganz anderer Art, dem kein Mensch jemals lebend begegnet ist. Ich weiss nicht, wie gut er darauf vorbereitet ist, er ist an diese Grenze gestürzt, hat sich den Kopf aufgeschlagen, und hatte zwei Wochen Zeit, bis er an die Reihe kam. Ich weiss nicht, welche Erwartungen er hat, und ich weiss nicht, was für einen Pass er in der Hand hält. Ich kann mir gut vorstellen, dass er sich in diesen zwei Wochen im Dämmerzustand einen guten Pass hergestellt hat, und ich wünsche ihm, dass sie ihm dort wohlgesinnt sein mögen. Sein fleischliches Herz hat aufgehört zu schlagen, möge sein himmlisches mit seinem Rosenduft seine Ruhe finden.  

היה שלום, אבא! תרגיש טוב!

From → כללי

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