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Dienstag, 19. Februar

Nachher hatte Esthi doch wieder Angst, ich würde mich nach Yad Eliahu verspäten. Ich kam schon im Dunkeln dort an, aber natürlich passierte nichts. Der Abend mit Edith und Uri war sehr gemütlich. Sie luden mich für heute zu einer Vorführung von "Huit clos" von Sarte ein, in hebräisch, versteht sich, diesmal mit ihnen beiden zusammen. Wir unterhalten uns lange über die israelische Einwanderungspolitik, die viel Russen ins Land lockt, [siehe 5. Februar] besonders bei den jetzigen dortigen Verhältnissen, ohne daß sie hier beruflich eingegliedert werden können. Die vielen russischen Einwanderer bewirken aber einen nochmaligen Rechtsrutsch in der israelischen Politik; die Aussichten auf Frieden sind schlecht. Wir sprachen auch über das Für und Wider des israelischen Schulwesens – in der Primarschule unterrichten fast nur Frauen, die keinerlei beruflichen Ehrgeiz haben, mehr Pflegerinnen als Lehrerinnen sind – und über die großen Tendenzen der Politik; wenn auch Uri und Ediths radikale Ansichten, den Sozialismus in der ganzen Welt einzuführen, mir Angst machen, waren wir uns alle einig, daß über kurz oder lang die dritte Welt Europa überschwemmen werde und Amerika den Südkontinent auch nicht ewig im Zaum halten könne.

Der Abend endete nicht ohne Missklang, denn bei einer Aussprache mit Uri stellte sich heraus, daß er sich schon mit vierzehn Jahren durch mich verletzt gefühlt habe, weil ich in sein Zimmer platzte, wenn er mit Sabine zusammen war. Großer Gott! Ich hätte nie daran gedacht, daß ich ihn in diesem Alter bei einer Intimität mit einem kleinen Mädchen störte. [Also erstens war Sabine einen Kopf größer und ein halbes Jahr älter als ich, aber vor allem: Wenn Hildes Großer Gott sie auch nur einmal erhört hätte und ihr dazu auch noch geantwortet hätte, dann hätte er ihr erzählen können, dass auch Adam und Eva es nicht mochten, als er sie erwischte, und da waren die beiden erst – ja, wie alt waren sie denn?]

[…]

Das Theaterstück war nicht überwältigend. Die Typen schienen mir schlecht ausgewählt zu sein, der choreographische Spielraum, der nicht von Sartre selbst vorgeschrieben ist, war minim, und hätte ich das Stück nicht gestern Nacht noch gelesen, hätte ich das viel zu schnell Gesprochene – wie selbst Edith fand – nicht verstanden. Doch weil ich es gelesen hatte, konnte ich bei den Pointen nicht mehr lachen.

Nachher fuhr ich an meinen geliebten Strand, in die Nähe von dem verrückten Haus [Danke, Caro!] und bin jetzt in dem Park, der mich an Funchal erinnert. [Hauptstadt von Madeira, das war – glaub ich – 1978.] […] Ich gehöre der Generation an, die alles erlebt hat: den schrecklichsten Weltkrieg aller Zeiten und nachher die Ungewissheit in allen politischen Werten. Das Böse – einst war es Hitler, jetzt Saddam Chussein, einst Nationen, jetzt Religionsfanatiker. Als ich jung war, konnte ich es nicht fassen, was meine Freundin, die Stewardess, mir erzählte: in Kairo gebe es Männer, die mitten auf der Straße ihre Notdurft verrichteten. [Ich war fast ein Jahr lang dort und habe nicht Derartiges gesehen, aber was wichtiger ist:] Heute habe ich andere Vorstellungen darüber, was ein Mensch alles tun kann [genau!]. Nicht nur andere verletzen und töten – es ist fast ebenso unfassbar, daß Menschen sich in einer minutiös ausgedachten Sprache stundenlang unterhalten und gar rein nichts voneinander verstehen. Die Tiere haben uns nur etwas voraus: daß sie nicht reden können und dasitzen ohne Zeit – ohne Zeit!

[…]

Wenn in eines der Hotel-Hochhäuser hier eine Rakete einschlüge – o Graus! Die Sonne steht noch eine Handbreit über dem Horizont, aber die Dämmerung hat schon eingesetzt; in allen Küchen brennt elektrisches Licht. Es gibt jetzt mehr Leute am Kai; einige joggen; viele spielen unten im Sand Tennis. Ich beobachte einen Arbeiter, der auf dem Stück der Promenade, das noch im Bau ist, Bodenplatten legt. Plötzlich kniet er sich nieder und berührt mit der Stirn den Boden gegen Osten; nur ganz schnell, dann steht er wieder auf und wirft mir einen kurzen, mißtrauischen Blick zu. Hat er für Krieg gebetet – oder für Frieden mit uns? [Der Arbeiter war offensichtlich ein Muslime, und dann offensichtlich ein Palästinenser. Die Ausgrenzung der Palästinenser als Arbeitskräfte begann genau in diesem Jahr 1991, sodass das beschriebene Bild für heutige Augen historisch aussieht.]

Jetzt ist die Sonne nur noch eine kleine Laterne in einem orangen Streifen über dem Horizont, dabei ist es erst zwanzig nach fünf.

19. Februar, abends

[…ein Telefongespräch mit Doron über Prokarioten, Eukarioten, Bakterien und Viren. Hilde gibt sich Mühe zu verstehen…]

Ich will Uri sagen, daß Saddam Chussein um sieben Uhr am Fernsehen sprechen will, aber da sehe ich ihn mit Edith irgend etwas diskutieren und beeile mich, in eine andere Richtung zu schauen. Auch hier muß ich immerfort auf Eiern laufen. Einmal heißt es: "Wir kochen jetzt", dann, ich solle mein Zimmer räumen, dort werde eine Theaterprobe stattfinden, und hinterher, nein, ich könne zurück, sie würden im Nebenzimmer proben. [Ich weiß, dass ich im Keller geprobt habe, aber das war wahrscheinlich erst später, nach dem Krieg…ach, da kommt der Keller ja schon:]

Immerhin gibt es im Handumdrehen ein fabelhaftes Abendessen mit aufgetauter Suppe, Salat… Das Menu ist nicht ganz ohne Bedeutung, denn einmal mehr scheppert die Sirene los, wie wir gerade beim Hauptgang sind, mit Rosé. Heute muß ich mit meinen jüngeren Küken zum ersten Mal in den Keller; es ist ein Graus, Edith zuzuschauen, wie sie die defekte Kellertür zuklebt, wie sie sie wieder aufreißt, weil Uri noch einmal zwei Stockwerte nach oben muß, denn er hat die Maske vergessen. Die Sirene schweigt schon lange, und kaum ist mein Sohn wieder da – mit der Maske in der Hand – (Edith kleistert verzweifelt an der Tür herum) da kracht es erheblich.

[…]

Zwei Mädchen kommen, Schauspielkolleginnen von Uri; sie wurden an der Busstation vom Alarm überrascht, sind in einen öffentlichen Luftschutzkeller gerannt und haben mit der Maske auf dem Gesicht dort eine Szene vorgeprobt.

Nun werde ich in mein Zimmer verbannt, denn ich darf die Szene erst sehen, wenn die Schauspieler sie einstudiert haben; die Küche ist besetzt von Edith, die eine Arbeit für ihr Psychologiestudium schreibt.

Ich möchte am liebsten schlafen gehen, aber Uri ruft mich zur Vorführung. Es ist eine Szene aus "Biedermann und die Brandstifter". Uri ist nicht sehr gut. Er kann den Text nicht, aber anscheinend hat er ihn auch erst jetzt vorgesetzt bekommen. "Ich bin seine Frau", sagt eines der Mädchen – im Stück, ist gemeint – und das andere Mädchen macht Regie. [Warum hab ich es ihr nur erlaubt, die Szene in der ersten Probe, nach einer halben Stunde, nachdem ich den Text erhielt, zu sehen?!! Damit ich zwanzig Jahre später lesen muss: "Uri ist nicht sehr gut." ??? Ich hoffe, die Leserin und auch der Leser versteht die Situation: Mit Müh und Not schaffte ich es, sie aus der Probe zu schaffen, aber das schlechte Gewissen ging nicht mit ihr ins andere Zimmer. Und so hab ich sie halt gerufen, obschon es nicht viel zu zeigen gab. Ich war nämlich sehr gut, auch als ich Regie studierte, und deshalb haben mich meine Kollegen, die mit mir Regie studierten, immer wieder gebeten, in ihrer Szene mitzuspielen. - Wer war damals, 1991, der Brandstifter? Dieser oder jener? Wer ist es heute? Aber was Frisch so schön diesem Stück zeigt, ist, dass das gar nicht die richtige Frage ist, sondern: Die Biedermänner! Und die sind die gleichen geblieben, immer schon, damals, vor 80 und 70 Jahren, und auch vor 50, und vor 20 Jahren, und heute.]

Wie Uri die beiden nach Hause bringt (in Gottliebs Auto), laufe ich ihnen ins Treppenhaus nach und bedanke mich. Wenn Uri sagt, dies sei sein Leben – ich kann es ihm nachfühlen. Wunderschön, so spielen zu können. [Ach! Ich dachte, ich war nicht gut?]

Heute verstehe ich wieder besser, was es heißt, seine Söhne zu lieben.

Um Viertel nach elf ruft David an. Er will mir mitteilen, daß Macska [die Katze] wieder nach Hause gekommen ist.

MUTTER ZWISCHEN DEN FRONTEN

Und wie ich schon bald vierzigmal hier schrieb: Ich konnte nicht anders und habe Wolf Bier­mann auf sei­nen Artikel in der Zeit ge­ant­wortet:

http://abumidian.wordpress.com/deutsch/biermann

.

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und auch das:

abigail-umschlag2

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